Ich sehe was, was Du nicht siehst

Dienstag, 1. Oktober 2002, 1.07 Uhr

Ein Skandal erschüttert Deutschlands Netizens: Google filtert die Suchergebnisse. Die deutsche Dependance der Suchmaschine kennt einschlägige Neonazi-Sites nicht, erst nach einen kleinen Umweg über die US-Zentrale rückt Google die Links zu den braunen Dreckschleudern heraus. Doch was vorschnell als „Zensur bei Suchmaschinen“ die Runde machte und zum Eingriff in die Informations- und Meinungsfreiheit stilisiert wurde, entpuppt sich als völlig normaler Vorgang in einem völlig normalen kommerziellen Unternehmen. Schließlich kann nichts und niemand Google zwingen, auf bestimmte Inhalte zu verweisen. Und dass ein Unternehmen daran interessiert ist, nicht mit den Gesetzen eines Landes in Konflikt zu geraten, in dem es Geld verdienen will, ist so überraschend ja nun auch nicht. Auf den zweiten Blick ist die Filter-Aktion sogar begrüßenswert: Wenn es sich erst herumgesprochen hat, dass Google mitnichten das ganze Netz abbildet, dass jede Suchmaschine immer nur einen kleinen, selektiven Ausschnitt aus dem Internet bietet und dass die eigene Erkundungstour durch keine Suchmaschine zu ersetzen ist, vielleicht spricht es sich dann herum, dass es ein Internet jenseits von Google gibt. Manche Surfer scheinen zu glauben, dass das, was sie sich nicht in den Suchmaschinen faul zusammenklicken können, auch nicht existiert. Nicht im Netz und auch nicht anderswo: Je eher dieser gefährliche Irrglaube verschwindet, desto besser.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Oktober 2002