Im Netz der Ahnungslosen

Sonntag, 19. März 2006, 14.39 Uhr

Auch fünf Jahre nach dem WWW-Durchbruch wissen die Werbeagenturen immer noch nicht, was das Internet ist.

Jetzt ist es amtlich: Die Internet-Agenturen sind nichts wert. Zumindest keine Gold-Medaille des ADC. Heuer gab’s für Websites nur Silber, Bronze und eine Handvoll Auszeichnungen. Doch das dicke Ende kommt noch. Dass es um das Webverständnis unserer Agenturen eher seltsam bestellt ist, ahnt man schon, wenn die ADC-Site vier Browserfenster öffnet, wo eines genügte. Klickt man durch die ausgezeichneten Sites, verdichtet sich die schlimme Ahnung zu schmerzhafter Erkenntnis: Die Agenturen kennen das Terrain nicht, auf dem sie sich bewegen. Nehmen sich die prämierten Sites in der kontrollierten, agentureigenen Haltung auch adrett aus – in der freien Netzlaufbahn bleiben sie auf der Strecke. Was im LAN funktioniert, funktioniert nicht auch im Internet. Dort sterben die Sites an akuter Byteverfettung: Bis sich die Datenklöpse durch eine normale Netzanbindung quälen, hat der Surfer schon längst die Lust verloren. Die wenigen Überlebenden rafft die Vereinsamung dahin: Nur wo beim Surfer alle Bells & Whistles multimedialer Wonnen installiert sind, ein großes Display ihrer wartet und Microsofts Internet Explorer herrscht, nur dort fühlen sich die Sites wirklich wohl. Auf Netscape und Opera reagieren sie allergisch, auf Unix- und Linux-Kisten gehen sie kläglich ein: Kann es da überraschen, dass in diesen Kreisen der böse Kalauer der „Sterbeagentur“ die Runde macht? Die Sites, die’s schließlich bis auf die fremde Festplatte geschafft haben, annektieren zum Dank kurzerhand den Browser, legen andere Aktionen lahm und überfluten den Bildschirm mit Pop-Ups. Kurz: Sie sind nach dem Motto „sollte mal ’ne CD-ROM werden“ gestaltet und legen exakt jene selbstverliebte Egomanie an den Tag, die das populäre Vorurteil den Werbern unterstellt. Liebe Agenturen – schaut euch doch mal um im Netz, nicht nur auf euren Nabel. Für den Anfang etwa bei www.coolhomepages.com: Dort findet ihr viele, schöne Beispiele dafür, was man mit HTML & Co. machen kann. Wenn man es denn kann.

Zuerst in: Kress-Report, 12/2001


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: