Banner, Blocker, Barrikaden
Montag, 22. Februar 1999, 14.06 Uhr | Giesbert Damaschke
Kleines Programm mit großen Folgen: Mit dem Banner-Filter “Webwasher” hat Siemens für Unruhe gesorgt.
Zu den Waffen, Netizens! Diesmal geht’s ums Ganze, die “gesamte Infrastruktur des Internets” steht auf dem Spiel, die “Stützen und Wegbereiter der Informationsgesellschaft” sehen sich einem “direkten Angriff” kapitalistischer Finsterlinge ausgesetzt, da wird man “nachdenklich und wütend” – ein skrupelloser Großkonzern will, nachdem er schon mit seinen Produkten “gutes Geld verdient” hat, das Internet nach seinen “Vorstellungen inhaltlich umstrukturieren und beeinflussen”. Auf, Genossen, entsichert die Mailbomben, sattelt die trojanischen Pferde, laßt die Würmer los – reiht euch ein und unterstützt die Aktion Webmaster gegen Konzerne!
Ausnahmsweise geht’s mal nicht gegen Microsoft, die Firma “everyone loves to hate”, diesmal rufen keine Streetfighting men auf dem Info-Highway zum Kampf, kein digitaler Guerilleros wetzt sein Hackerwerkzeug. Nein, diesmal borgt sich die Firma Webhits Pathos und Phrasen der alternativen Freiheitskämpfer, um gegen das Programm Webwasher der Firma Siemens Front zu machen. Schützenhilfe bekommt sie dabei von über 1200 Betreibern meist kleinerer Websites, von Carola Ennings Hausfrauenseite über Sue Sepeurs Hexen-Online bis hin zu Johann Stehmeiers (nomen est omen) Erotiksuchmaschine oder Andreas Pankotschs Männerchor Oberschöna.
Sie alle sehen sich als typische Vertreter der “zigtausend Enthusiasten”, deren “Engagement” das Netz die “vielen kleinen, bunten Seiten” verdanke, von dem es angeblich “lebt” und deren Existenzgrundlage gefährdet ist, weil der Webwasher aus dem hereinschwappendem HTTP-Datenstrom die mitgeschwemmten Werbebanner herausfischen und umweltfreundlich entsorgen können soll. Kaum zu glauben: Das Netz, das doch angeblich einen Atomschlag übersteht – niedergestreckt von einem kleinem Stück Software.
Auch Lowbudget-Provider Germany.Net gehört zu den aufrechten Kämpfern wider siemenssche Tücke und Hinterlist. Ein zutiefst unehrliches Programm sei der Webwasher, ermögliche es doch den Surfern, sich unter Umgehung der werblichen Belästigung Angebote im Netz zu “erschleichen”. Pfui Teufel! Doch schlimmer noch – Siemens zerstöre mit seinem subversivem Treiben “in geradezu ignoranter Art den Frieden von Angebot und Nachfrage”.
Wie bitte? Siemens hat ein Programm im Angebot, zu dem eine Nachfrage unterstellt wird, und deshalb gefährdet der Konzern den “Frieden von Angebot und Nachfrage”? Soll das heißen, die so gern beschworenen Spielregeln der freien Marktwirtschaft gelten nur, solange man selbst davon zu profitieren hofft und sind in Gefahr, sobald ein Mitspieler auf den Plan tritt – oder wie ist das zu verstehen? Kann man das überhaupt verstehen?
Es scheinen da seltsam wirre Vorstellungen in den Köpfen der Aktivisten zu herrschen. Keine Frage – Werbeeinnahmen sind eine potentielle Finanzierungsmöglichkeit von Webseiten. Doch welche positive werbliche Wirkung ist von Bannern zu hoffen, die dem Surfer aufgezwungen werden, den Seitenaufbau verlangsamen, durch Maß- und Ziellosigkeit nerven und deren Übertragungskosten obendrein noch dem Besucher der Website aufgedrückt werden? Welcher Werbeleiter, der seine fünf Sinne noch beisammen hat, ist bereit, für eine solche Anti-Werbung auch nur eine müde Mark zu zahlen? Wie, bitte schön, soll denn dieses simple Finanzierungsmodell überhaupt jemals funktionieren?
In der vorgeblich ums Wohl der Internet bemühten Argumentation von Germany.Net, Webhits & Co. taucht der Webwanderer nur als willenlose Zielgruppe auf, die man zu ihrer werblichen Beglückung zwingen muß. Zappen ist bei Strafe verboten, Werbung ein staatlich verordnetes Pflichtprogramm: Da könnte man auch fordern, daß jeder Fernsehzuschauer im Sessel festgeschnallt wird und die Fernbedienung blockiert, sobald eine dieser dümmlichen Werbeunterbrechung läuft, mit der das angebliche Free-TV bislang noch jeden Film massakriert hat.
Doch geht es hier eigentlich noch um eine verständliche Argumentation oder artikuliert sich in dem aufgeregtem Getöse rund um den Webwasher nicht einfach nur eine aus Unkenntnis und bösen Ahnungen geborene Unsicherheit? Das könnte immerhin erklären, warum ausgerechnet diejenigen, die erst seit ein paar Jahren online sind und die von hartgesottenen Netizens der alten Schule kurzerhand als kommerzielle Schmarotzer abgetan werden, auf die abstruse Idee kommen, in ihrem ephemeren Treiben das Lebenselexier des Internet zu sehen.
Fast könnte man auf die Idee kommen, der Wirbel verdanke sich der allmählich sich ausbreitenden und mühsam abgewehrten Erkenntnis, daß es mit der Werbung im Netz nicht recht voran geht, daß die Hoffnung, ein Angebot könne einfach durch eine Handvoll Banner finanziert werden, sich als immer trügerischer erweist und daß es die Werbebanner auf Webseiten einfach nicht bringen.
Bislang konnte aufkeimendes Unbehagen über die hinter den Prognosen und Plänen zurückbleibenden Werbeeinnahmen noch wirkungsvoll ausgeblendet werden (nicht umsonst wird in der Branche, wenn überhaupt, dann positiv gedacht). Noch funktioniert die sich selbst bestätigende und herankriechende Zweifel in die Schranken verweisende Marketingmaschinerie tadellos. Kaum spricht es sich herum, daß die Surfer immer weniger Lust verspüren, auf Werbebanner zu klicken, da eilt die Marktforschung zu Hilfe und zaubert hilfreiche Ergebnisse aus dem Hut. “Banner im Internet wirken auch ohne Klick auf das Werbemittel” hat da etwa die Gruner-Tochter EMS herausgefunden. Da werden sich die dreißig Gruner-Websites aber freuen. Und auch aus den USA kommt frohe Kunde . Da hat Ipsos-ASI ermittelt, daß Web-Banner so wirksam sind wie Fernsehwerbung.
Mitten in diesen Frieden von angebotenen guten Nachrichten und der Nachfrage nach einlullenden Sedativen platzt der Webwasher, zieht die warme Decke weg und bricht der schockhaften Erkenntnis Bahn, daß im Internet mitunter gänzlich andere Regeln herrschen als in anderen Medien.
Dabei ist der Webwasher alles andere als originell oder neu. Derartige Programme gibt es mindestens seit 1995. Damals entwickelte Axel Bold (da er sich nicht daran erinnern konnte, “time, bandwidth, screen real estate or brain capacity” vermietet zu haben) an der Universität Paderborn ein Programm mit dem lapidaren Namen NoShit. Andere Programme dieser Art heißen etwa Junkbuster (“blocks unwanted banner ads”), Adfilter (“eliminates web ads, popup windows and other noise forever”), Intermute (“Block the junk, enhance the web. Eliminate annoyance”), Webfree (“screen out advertisements”), Muffin (“kill GIF Animation, remove advertisements”) oder AdsOff! (“Kills Ads … Dead”).
Kurz: Filterprogramme dieser Art gehören seit Jahren zum Netzalltag und es ist so unwahrscheinlich nicht, daß sie Teil der nächsten Browsergeneration werden. Sie sind kein Grund zur Aufregung, bieten keinen Anlaß, mit peinlichen Phrasen herumzufuchteln und sind auch keine Vorboten des Untergangs. Sie bedrohen so wenig “die gesamte Infrastruktur des Internets”, daß sie im Gegenteil unauflöslich dazu gehören.. Wer diese Programme als Blendwerk des Teufels verdammt, hat nicht nur nicht verstanden, wie das Internet seit nun schon dreißig Jahren funktioniert. Er hat auch seine Hausaufgaben in Sachen Marketing & Werbung nicht gemacht.
Zuerst bei: Spiegel Online, 8 / 1999






Ihr Kommentar
2 Kommentare zu Banner, Blocker, Barrikaden
Media Addicted schreibt:
23. März 2010, um 11:29
Wow, und das 1999. Das nenne ich wirklich mal “visionär”. Schreiben Sie noch für den Spiegel? Ich hoffe, denn ein wenig kompetente Texterei könnte den Herrschaften dort nicht schaden, insbesondere im Technik-Ressort.
Werbeblocker als Sargnagel der Internet-Dienste? | Media Addicted schreibt:
23. März 2010, um 11:32
[...] Twitter habe ich eine Glosse aus 1999 (!) zum selben Thema gefunden, die schon damals zu einem ähnlichen Fazit kommt wie ich heute. [...]