Der Riese als Vampir

Freitag, 17. Februar 2012, 0.56 Uhr

Ich habe für das Hyperland-Blog des ZDF einen Beitrag zu einem Thema geschrieben, das mich schon seit längerem – ach was, seit Jaaahren aufregt, nämlich die Geschäftspraktiken der Wissenschaftsverlage: Wissen muss frei sein.

Anlass ist der aktuelle Aufruf zum Boykott des Branchen-Riesen Elsevier, den Anatol Stefanowitsch in einem öffentlichen Google+-Posting als „Vampir“ bezeichnet hat. Es ist immer schön, wenn man in einem eher unpersönlichen Beitrag für einen Auftraggeber jemanden zitieren kann, der einem die Formulierung abnimmt 8-).

Ich selbst habe nur in zwei Fällen Erfahrung mit diesen ganz speziellen Verlagen gemacht. Zum einen bei der Mitarbeit an einem Literaturlexikon, bei dem ich sowohl den Namen als auch den Verlag und meine (natürlich honorarfrei) beigesteuerten Artikel sowieso schon längst vergessen habe (ich weiß nicht einmal, ob das Lexikon je erschienen ist). Zum anderen ist da der Druck meiner Dissertation, deren Verlagsvertrag vom 15. November 1989 mir kürzlich beim Aufräumen zufällig in die Hände fiel. Meine Güte, was war ich damals naiv!

Meine Dissertation zu Wilhelm Raabes „Krähenfelder Geschichten“ (die kennen Sie nicht? Sofort lesen! Also die Erzählungen, meine Diss können Sie getrost ignorieren) erschien bei einem namhaften Verlag, der sich den Druck der Arbeiten von seinen Autoren über einen „Druckkostenzuschuss“ finanzieren lässt.

Ich habe seinerzeit pro Druckseite 6 sFr gezahlt. Die genaue Summe ist im Vertrag nicht vermerkt, aber die Arbeit hat 273 paginierte Seiten, ich werde also so um die 1.300 sFr gezahlt haben (genauer: meine Eltern haben das gezahlt, ich hatte seinerzeit überhaupt nicht die notwendigen Mittel). „Druckseiten“ heißt in diesem Fall übrigens: fotomechanische Reproduktion meines Manuskripts. Nicht, dass da jemand auf die Idee kommt, der Verlag hätte einen Setzer oder gar einen Lektor bezahlt. Die zwölf Pflichtexemplare, die ich bei der Uni Bonn einreichen musste, musste ich dem Verlag zum „Selbstkostenpreis“ abkaufen (dergleichen gehört normalerweise zu den Belegexemplaren, die der Verlag seinem Autor schickt).

Der Vertrag sieht vor, dass ich für die ersten hundert Exemplare 10% für jedes verkaufte Exemplar bekommen habe, für das 101. bis 200. Exemplar 15%. Die Auflage war auf 270 Exemplare begrenzt, von denen 200 in den Verkauf gingen. Der Verlag ging wohl nicht davon aus, mehr als 200 Exemplare meiner Dissertation verkaufen zu können. Warum auch? Das Teil war schon durch den Druckkostenzuschuss und die Pflichtexemplare, die die Universitäten kaufen müssen, finanziert – es bestand kein Grund, sich ernsthaft um den Vertrieb des Buches zu kümmern. Wieviel, je nun, „Honorar“ ich vom Verlag bekommen habe, weiß ich heute nicht mehr, ich kann mich aber daran erinnern, dass ein paar Hundert DM zurückflossen, aber natürlich bei weitem nicht genug, um den Deal mit einer „schwarzen Null“ abzuschließen. (Ich weiß leider auch nicht mehr, zu welchem Preis das Buch seinerzeit verkauft wurde. Ich weiß nur noch, dass ich über die Höhe ziemlich erstaunt war.)

Seither habe ich allen, die mich fragten, dringend davon abgeraten, ihre Dissertation bei einem der üblichen Verlage drucken zu lassen und statt dessen Books on Demand empfohlen (inzwischen gibt es vermutlich auch andere Alternativen, da bin ich nicht mehr im Thema). In mindestens einem Fall war ich damit erfolgreich; das wird mir dereinst mal als eine meiner wenigen guten Taten angerechnet werden, da bin ich mir sehr sicher.

Das ganze unselige Verhältnis zwischen Publiktionszwang der Wissenschaftler und den Wissenschaftsverlagen hat Mike Taylor in seiner schönen Parable of the farmers and the Teleporting Duplicator für den Guardian auf den Punkt gebracht. „And somewhere far away, his head in his hands, the wizard wept.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website:

3 Kommentare zu „Der Riese als Vampir“

Diese Praktiken sind leider seit Jahrzehnten üblich, und die Pfründeinhaber im Wissenschaftsverwertungsbetrieb werden ihre Einkommensquellen sicher nicht kampflos hergeben. – Ich selbst habe bei der Veröffentlichung meiner Diplomarbeit seinerzeit (1991) nicht ganz so schlechte Erfahrungen gemacht. Der Druckkostenzuschuß unterblieb, allerdings habe ich auf ein Autorenhonorar verzichten müssen – für die “erste Auflage”, wie ich in einem Geistesblitz dem Vertrag hinzusetzen ließ, wodurch ich dann noch einige Jahre lang einen, wenn auch bescheidenen, jährlichen Tantiemen-Scheck im Briefkasten hatte. Die damals 800 DM von der VG-Wort waren dann noch ein netter Bonus.

Gabriele Wolff schrieb am 17. März 2012, um 23.19 Uhr

Nachdem Sie einstmals diesen Brief veröffentlicht haben:

http://www.damaschke.de/notizen/index.php/ein-brief-an-hans-wollschlager-aus-dem-jahr-1999/

– interessiert Sie vielleicht auch dies, zu seinem heutigen Geburtstag?

http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/17/hans-wollschlager-sudelbucher-i-iii/

Ich hoffe es!

[…] Thema siehe auch: Der Riese als Vampir. « Piraten, FAZ und […]