Der unheilbare Radicalfehler aller bürgerlichen Gesellschaften
Samstag, 14. März 2009, 14.40 Uhr | Giesbert Damaschke
Alle bürgerliche Gesellschaften haben den unheilbaren Radicalfehler, daß sie, weil sie sich nicht selbst regieren können, von Menschen regiert werden müssen, die – es größtentheils eben so wenig können. Man kann unsre Regierer nicht oft genug daran erinnern, daß bürgerliche Gesetze nur ein sehr unvollkommnes und unzulängliches Surrogat für den Mangel guter Sitten, und jede Regierung, ihre Form sey noch so künstlich ausgesonnen, nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft ist, die in jedem Menschen regieren sollte. Was hieraus unmittelbar folgt, ist, denke ich: man könne nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und sittig zu machen. Aber, wie die Machthaber hiervon zu überzeugen, oder vielmehr dahin zu bringen wären, die Wege, die zu diesem Ziele führen, ernstlich einzuschlagen? – dieß ist noch immer das große unaufgelöste Problem! Wie kann man ihnen zumuthen, daß sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?
Christop Martin Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen (1800)
zitiert nach zeno.org.






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