Die Digitale Bibliothek

Donnerstag, 7. September 2000, 18.04 Uhr | Giesbert Damaschke

Wer immer sich den Spruch vom Weniger, das Mehr ist, ausgedacht haben mag – er kann auf keinen Fall die “Digitale Bibliothek” gemeint haben. Denn da ist mehr einfach mehr und man kann gar nicht genug davon bekommen. Zum Geburtstag der Reihe bleibt nur eins: Hemmungslose Lobpreisung.

Die Digitale Bibliothek erscheint seit Herbst 1997 im Berliner Verlag Directmedia und umfasst derzeit [2000] über 40 Bände.

Vor fast genau 3 Jahren kam die erste Text-CD-ROM heraus, inzwischen ist die Reihe des Berliner Produzenten Directmedia auf 34 digitale Bände angewachsen. Das schreibt sich so flink hin und ist doch eine ganz erstaunliche Leistung. Selbst bei vorsichtiger Schätzung repräsentiert die Digitale Bibliothek einen Bestand von 8.000 bis 10.000 engbedruckten Bänden. Man muß sich das einfach mal räumlich vorstellen, um die Kapazität einer simplen CD-ROM schätzen zu lernen. Die Büchermenge füllte eine 5-Zimmer-Wohnung vollständig aus –: die Digitale Bibliothek läßt sich locker auf einem Regalbrett unterbringen.

Wo die etablierten Buchverlage sich und ihre Bedeutung zwar gar zu gern zelebrieren, es in Sachen digitaler Editionen jedoch nur zu meist eitlen Alfanzereien gebracht haben, kopiert man in Berlin unter wohltuenden Verzicht auf bunte Schwersterträglichkeiten beharrlich Texte, Texte und nochmals Texte auf CD-ROM. Statt stümperhaften Peinlichkeiten namens “Multimedia” gibt es in der Digitalen Bibliothek abertausende von Seiten, die Werke von mehreren hundert Autoren, vielbändig-voluminöse Lexika und riesige Archivbestände.

Angefangen hat alles mit der obligatorischen Klassikerauswahl, wobei das Wörtchen “Auswahl” eher irreführend ist: Mit rund 50 Autoren und mehr als 70.000 Seiten bietet der Band 1 der Digitalen Bibliothek so ziemlich alle bedeutenden Texte des Klassiker- Mainstream von Lessing bis Kafka. Es folgte eine ähnlich umfangreiche Auswahl philosophischer Schriften und monographischen CD-ROMs.

Allerdings ist die Auswahl – Goethe, Lessing, Fontane, Heine und Hoffmann – eher bieder als inspiriert: wie gern sähe man doch endlich eine verlässlich-vollständige Jean-Paul- oder Wieland- Ausgabe auf CD-ROM! Texte aus Barock oder Mittelalter fehlen ebenso wie Übersetzungen fremdsprachiger Autoren (sieht man einmal vom Band 30: “Dichtung der Antike. Von Homer bis Nonnos” ab). Für Shakespeare & Co. wird man also weiterhin mit dem Gutenberg- Projekt vorlieb nehmen müssen.

Doch bevor man in kleinliches Mäkeln verfällt und sich über Fehlendes ärgert, tröste man sich lieber mit dem Wissen, dass die Reihe kontinuierlich wächst und dass das, was nicht ist, ja immerhin noch werden kann. Vielleicht fällt einem das Fehlende überhaupt nur deshalb auf, weil die Reihe schon jetzt so erstaunlich viel zu bieten hat. Denn der Textbestand der Digitalen Bibliothek ist nicht einfach nur beachtlich: Er ist einzigartig.

Schon längst hat man das traditionelle Gebiet der freien Klassikertexte hinter sich gelassen und publiziert auch unverzichtbare lexikalische Standardwerke wie etwa das monumentale RGG (“Religion in Geschichte und Gegenwart”), “Kindlers Malereilexikon” oder die “Propyläen Weltgeschichte”. Unverzichtbar sind auch zeitgeschichtliche Materialien wie etwa die vorzügliche “Enzyklopädie des Nationalsozialismus” von Benz, Graml und Weiß, die vollständigen, mehr als 16.000 Seiten umfassenden, Protokolle des “Nürnberger Prozess’” oder die umfangreiche Dokumentensammlung zur “Deutschen Einheit”.

Schön und gut, wird der kritische Leser da einwenden – aber wer soll das alles bezahlen, wer hat so viel Geld? Doch keine Sorge: Die Digitale Bibliothek überzeugt nicht nur durch Umfang und Inhalt, sondern auch durch den Preis: Rund 100 Mark kostet ein Standardband der Digitalen Bibliothek, einige sind schon für knapp 50 zu haben. Nur wenige umfangreiche Lexika kosten mehr, wobei selbst der teuerste Band – das RGG – mit rund 300 Mark keine unermesslichen Löcher in die Haushaltskasse reißt.

Nein, man kann es drehen und wenden wie man will – es gibt kein zwingendes Argument gegen die Digitale Bibliothek und zu ihr keine Alternative.

Wünschen wir dem Verlag zum dreijährigen Geburtstag der Reihe viel Glück und Erfolg und beglückwünschen wir ihn zu seiner Leistung, auf dass die Reihe wachse und gedeihe: Ad multos annos!

Zuerst erschienen bei: Die Zeit im Internet, 36/2000


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