Geister und Gespenster

Montag, 15. Februar 1999, 0.11 Uhr | Giesbert Damaschke

Bücher haben bekanntlich ihre Schicksale, Zitate erst recht. Zum Beispiel die beliebte Formulierung, jemand »wittere Morgenluft«. Die wird gemeinhin – naht doch der Morgen – als erwartungsvolle Ankündigung kommender Erfolge benutzt. Dabei meint sie ursprünglich, nämlich in Shakespeares’ Hamlet, das genaue Gegenteil: »Doch still!«, mahnt da der Geist des Vaters den grüblerischen Sohn, »Mich dünkt, ich wittre Morgenluft. Kurz laß mich sein.« Denn für ihn, den Geist, ist der Morgen Zeichen des Endes, nicht des Anfangs. Seien Sie also auf der Hut, wenn mal wieder jemand »Morgenluft wittert« – wer weiß, was das bedeuten soll.

Ein ähnlich geisterhaftes Rezeptionsschicksal hat das sprichwörtlich umgehende Gespenst. Es ist schon erstaunlich, was da so in den Leitartikeln und Kommentaren der letzten Monate sein gespenstisches Unwesen trieb. Das reicht von »Ein Gespenst geht um in Deutschland: 5 Mark fürs Benzin« in der TAZ über »Ein Gespenst geht um in Deutschland: die Globalisierung«, das die Welt ausmachte, bis zum »Ein Gespenst geht um in Berlin, und es hört auf den Namen Kunst« in Spiegel Online.

Ob da wohl Autoren und Leser immer wissen, wo das Gespenst seine Wanderung begonnen hat? Hier:

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.

So beginnt das zwar berühmte, aber kaum bekannte Manifest der kommunistischen Partei von Marx und Engels aus dem Jahr 1848. Die Werke des philosophischen Duos sind in den letzten 10 Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten, früher füllte die 43-bändige Ausgabe Marx, Engles: Werke etliche Regalmeter, heute sind die blauen Bände der MEW fast verschwunden.

Doch nicht verzagen, der Kapitalismus hat auch seine gute Seiten – zum Beispiel dann, wenn die Berliner Directmedia Publishing GmbH die Gunst der Stunde nutzt und die voluminöse MEW mit rund 14.000 Seiten Text nahezu vollständig auf CD-ROM brennt und ihrer gar nicht genug zu lobenden Digitalen Bibliothek als Band 11 hinzufügt: Für unter 100 Mark gibt es weit mehr, als man jemals von Marx/Engels lesen und kennen sollte. Das gewaltige Textmassiv ist mit einer vozüglichen Volltextsuche erschlossen und unter wohltuenden Verzicht auf multimediale Allfanzereien, die schon mehr als eine gut gedachte CD-ROM-Ausgabe ruiniert haben, produziert.

Angesichts der mustergültigen Aufbereitung des Bandes und der gesamten Digitalen Bibliothek verstummt die nörgelnde Kritik am Detail – sie wäre hier nichts als kleinlich. Wünschen wir dem mutigen Verlag lieber alle kapitalistischen Segnungen, auf daß auch die bereits angkündigten Bände erscheinen mögen und sich andere Verlage ein Beispiel nehmen.

Zuerst bei: Spiegel Online, 7 / 1999


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