In Echtzeit

Montag, 2. Februar 2009, 2.06 Uhr | Giesbert Damaschke

Manche Begriffe sind eigentlich ganz einfach und verwirren einen doch:

Evolution in Echtzeit

überschreibt Spiegel Online einen Artikel (bzw. National Geographic) und nimmt das Stichwort auch gleich im Vorspann auf:

Darwin glaubte, Evolution sei zu langsam, um sie zu beobachten. Stimmt aber nicht! Ausgerechnet an den Darwin-Finken auf Galápagos beobachten Wissenschaftler nun den Prozess in Echtzeit.

Was gemeint ist, ist einigermaßen klar: ein evolutionärer Prozess verläuft so schnell, dass wir ihn nicht nur rekonstruieren, sondern direkt beobachten können. Dummerweise steht das da aber nicht.

Denn „Echtzeit“ meint, dass ein, etwa auf Film oder Tonband, aufgezeichneter Prozess genau in der Geschwindigkeit abgespielt wird, in der er sich ereignet hat. Oder auch, dass eine Computersimulation in der Geschwindigkeit abläuft, in der der simulierte Vorgang auch in der realen Welt ablaufen würde. Wer im Flugsimulator von München nach New York „in Echtzeit“ fliegt, der sitzt ein paar Stunden vor dem Computer.

Jeder, der eine Kamera eine Stunde auf sagenwirmal einen Darwin-Finken richtet und diese Aufnahme anschließend – unbeschleunigt, unverlangsamt – wiedergibt: der sieht Evolution in Echtzeit. Die eine Stunde Film zeigt exakt eine Stunde in der Entwicklung der Vögel.

Lässt man die Aufzeichnung oder ähnliches weg, wird der Begriff „Echtzeit“ einigermaßen sinnlos, da sein Bezugsrahmen (Zeitraffer, Zeitlupe, Modellzeit etc.) fehlt.

Anders gesagt: Wir beobachten immer und alles und also auch Evolution in Echtzeit. Wir können gar nicht anders.


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Ihr Kommentar

Ein Kommentar zu In Echtzeit

Tim schreibt:
4. Februar 2009, um 7:16

Vive l’évolution!