Offizierspatent verkaufen

Montag, 24. Dezember 2012, 17.51 Uhr | Giesbert Damaschke

Bei der Lektüre eines viktorianischen Romans stößt man immer wieder darauf, dass eine der handelnden Figuren ihr „Offizierspatent verkauft“, um zu den dringend benötigten liquiden Mitteln zu gelangen. Ich habe mich immer gefragt, was das eigentlich genau heißen soll, war aber nie hinreichend neugierig, um das einmal nachzuschlagen. Bei meiner aktuellen Lektüre – Charles Dickens, Bleakhouse – tauchte es nun auch wieder auf. Und dieses Mal habe ich nachgeschlagen.

Zuerst eine kleine Auswahl an einschlägigen Zitaten. Das Orginial wird nach der Version beim Project Gutenberg zitiert; die Übersetzung von Richard Zoozmann nach der zweibändigen Ausgabe Rütten & Loening, Berlin 1990; die von Gustav Meyrink nach der Kindle-Version und nach Zweitausendeins, Frankfurt o.J. (vermutlich identisch mit Manuscriptum, Leipzig 2003).

Erstmals taucht das Thema bei einem Gespräch zwischen Esther und Richard auf, in der dieser seine mögliche Zukunft ausmalt. Er könne jederzeit zur Armee gehen, er müsse sich nur ein „Patent“ bzw. „a commission“ besorgen:

„The army?“ said I.
„The army, of course. What I have to do is to get a commission; and—there I am, you know!“ said Richard.

Dickens, Bleakhouse. Kapitel 23: Esther’s Narrative

„Die Armee?“ fragte ich.
„Natürlich, die Armee! Ich habe weiter nichts zu tun, als mir ein Patent zu verschaffen, und dann bin ich ein gemachter Mann“, sagte Richard.

Üb. Zoozmann, I/458. Kapitel 23: Esthers Erzählung

„Auf die Armee?“
„Auf die Armee, natürlich. Ich brauche mir nur ein Patent zu verschaffen, und fertig.“

Üb. Meyrink, S. 388. Kindle, Position 6655. Kapitel 23: Esthers Erzählung

Man konnte zu Dickens’ Zeiten also einfach durch Bezahlung einen höheren Rang in der Armee bekommen – nicht etwa (nur) durch Erfahrung und Dienstzeit. Aber weiter, im nächsten Kapitel wird das Patent bereits gekauft:

His name was entered at the Horse Guards as an applicant for an ensign’s commission; the purchase-money was deposited at an agent’s; […]

Dickens, Bleakhouse. Kapitel 24 [bei Gutenberg fälschlich 29]: An Appeal Case

Sein Name wurde im Armeekommandobüro unter den Bewerbern um ein Fähnrichspatent aufgezeichnet, das Kaufgeld wurde bei einem Agenten hinterlegt.

Üb. Zoozmann, I/477. Kapitel 24: Ein Appell an das Gewissen

Sein Name wurde im Armeekommando unter den Bewerbern um ein Fähnrichspatent bei der Garde eingeschrieben. Die Gebühr wurde deponiert, […]

Üb. Meyrink, S. 404. Kindle, Position 6925. Kapitel 24: Eine Gerichtsverhandlung

Ein so gekauftes Patent war allem Anschein nach auch eine Geldanlage und konnte, wenn die Mittel knapp wurden, auch wieder verkauft werden (natürlich musste man dann aus der Armee ausscheiden, der Verkauf war also wohl das letzte Mittel vor dem endgültigen Bankrott):

… but I can sell out then …

Dickens, Bleakhouse. Kapitel 37: Jarndyce and Jarndyce

… aber dann kann ich ja mein Patent verkaufen …

Üb. Meyrink, S. 618. Kindle, Position 10638. Kapitel 37: Jarndyce kontra Jarndyce

… aber dann kann ich meine Charge verkaufen …

Üb. Zoozmann, II/115. Kapitel 37: Jarndyce kontra Jarndyce

Diese Passagen werden bei Zoozmann – die einzige mir greifbare Ausgabe mit Anmerkungen – nicht weiter erläutert. Anscheinend hält Zoozmann diese Stellen für weniger erklärungsbedürftig als den Namen „Yorick“, den er imho völlig überflüssigerweise – und, nach dem Kontext zu urteilen, in dem er bei Dickens auftaucht, eventuell auch falsch – mit „Name des Hofnarren aus Shakespeares ‚Hamlet‘“ erläutert

Bei Dickens wird ein wohl ziemlich lauter und auch unsauberer Sänger mit Yorick verglichen. Der Hinweis auf den Narren Yorick bei Shakespeare führt da nicht wirklich weiter, eventuell spielt Dickens auf einen zeitgenössischen Sänger/Schauspieler an, der sich Yorick nannte. Wie auch immer: Diese einmalige Yorick-Anspielung ist im Roman völlig bedeutungslos. Der Kauf/Verkauf des Offizierspatents – mit der uns Zoozmann allein lässt – allerdings nicht.

Aber es gibt ja die Wikipedia. Und dort erfährt man endlich ein paar Hintergründe zu diesem häufig auftauchenden Motiv und zu seiner Bedeutung für die Armee – wenn sich Hinz & Kunz einfach auf einen Offiziersrang einkaufen können, muss das ja Konsequenzen haben:

Kauf von Offizierspatenten
Der Kauf von (sehr teuren) Offizierspatenten war bis November 1871 möglich. Bis zur Reform 1844 war der direkte Einstieg in höhere Ränge möglich, was dazu führte, dass vollkommen unfähige Kommandeure Schlachten verloren. Ab 1844 musste man, um ein Hauptmannspatent kaufen zu können, mindestens zwei Jahre als Leutnant gedient haben. Zum Major konnte nur aufsteigen, wer sechs Dienstjahre vorweisen konnte. Nachdem der Kauf von Patenten eingeschränkt worden war, nahm die Zahl der in Kadettenanstalten ausgebildeten und damit professionelleren Offiziere zu.

Die Wikipedia nennt auch Summen. Ich habe jetzt nicht mehr parat, in welchen Truppenteil sich Richard einkauft (ich glaube, es war die Infanterie), aber er wird wohl so rund 500 Pfund eingesetzt haben.

Interessant ist es natürlich nun, was das in heutiger Kaufkraft bedeutet. Hier habe ich auf die Schnelle nur ein Zitat aus Gisbert Haefs Anmerkungen zu seiner Übersetzung von Conan Doyles’ Hound of the Baskervilles (Haffmans, Zürich 1984) zur Hand:

Eine Vergleichszahl zum Wert von Sir Charles’ Nachlaß bietet Sir Arthur Conan Doyle an anderen Stellen seiner Werke. 100 £ pro Jahr werden als durchschnittliches Einkommen eines Londoner Journalisten und als hohes Einkommen einer Gouvernante bezeichnet; Sherlock Holmes nennt ein Hotel, in dem man man 8 Shilling für eine Übernachtung und 8 Pence für ein Glas Sherry bezahlt, „eines der teuersten“ in London. … Man wird Sir Charles Baskervilles Nachlaß … ruhig mit 100 multiplizieren können […].

Schätzen wir also mal grob, dass Richards Kapital rund 50.000 bis 100.000 Euro beträgt. Das ist nicht wenig. Aber auch nicht wirklich viel. Zumal ja nichts dazu kommt, er hat ja keinerlei weitere Einnahmen.


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Ihr Kommentar

Ein Kommentar zu Offizierspatent verkaufen

Julie Paradise — #3 schreibt:
4. Januar 2013, um 0:01

[...] Offizierspatent? Verkaufen? Bei der Lektüre eines viktorianischen Romans stößt man immer wieder darauf, dass eine der handelnden Figuren ihr „Offizierspatent verkauft“, um zu den dringend benötigten liquiden Mitteln zu gelangen. Ich habe mich immer gefragt, was das eigentlich genau heißen soll, war aber nie hinreichend neugierig, um das einmal nachzuschlagen. Bei meiner aktuellen Lektüre – Charles Dickens, Bleakhouse – tauchte es nun auch wieder auf. Und dieses Mal habe ich nachgeschlagen. [...]