Von Gütt zu Sarrazin

18. Juli 2011, 17.38 Uhr | Giesbert Damaschke

Thilo Sarrazin sorgt mal wieder für Schlagzeilen, und ich höre zufällig im SWR2-Zeitwort-Podcast den Beitrag zum 14. Juli 1933: Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wird verabschiedet. Dort werden Ausschnitte aus einer Rundfunkansprache Arhur Julius Gütts vom 26. Juli 1933  gebracht, die mich doch frappant an Sarrazins These vom Aussterben der Deutschen erinnert haben. Man muss nur ein paar Wörter austauschen, die Sarrazin sich zu benutzen dann doch nicht traut, aber Stoßrichtung und Argumentation sind identisch:

Es ist eine leider bedenkliche Tatsache, dass zum Beispiel gerade oft Minderbegabte und Schwachsinnige sich erheblich stärker vermehren als die wertvollen Gruppen. Während die gesunde deutsche Familie besonders der gebildeten Schichten etwa zwei Kinder im Durchschnitt hat, weisen Schwachsinnige und andere erblich Minderwertige durchschnittlich Geburtenziffern von drei bis vier Kindern je Ehepaar auf.

Bei einem solchen Verhältnis ändert sich aber die Zusammensetzung eines Volkes von Generation zu Generation, so dass in etwa drei Geschlechter folgend die wertvolle Schicht fast völlig verschwunden ist und nur noch Minderwertige übrig bleiben. Das bedeutet dann aber den Untergang und das Aussterben der hochwertigen Menschen und Familien. So ist die Zukunft unseres Volkes ernstlich bedroht. Es geht dabei eben um das Leben und Sterben der deutschen Nation.

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Dumm und dümmer

17. Juli 2011, 19.42 Uhr | Giesbert Damaschke

Die Klage ist wohl so alt wie die menschliche Fähigkeit, Informationen auslagern zu können, und nicht immer alles jederzeit präsent haben zu müssen, und sie geht so: Wer sich bestimmte Dinge nicht einprägt, sondern sie sich notiert, der vergisst nicht nur diese Information schneller, sondern verliert generell die Fähigkeit, sich etwas zu merken und wird zwangsläufig dumm und dümmer.

Das ist, natürlich, ein ausgemachter Unfug, der uns alle Jahre wieder in verschiedenen Varianten aufgetischt wird. Das Auslagern von Informationen ist eine Technik der Wissensorganisation, bei der Wichtiges von nicht ganz so Wichtigem und gänzlich Unwichtigem getrennt wird. Das bietet uns die Chance, unser Denken nicht in belanglosen Details zu zerfasern und Zusammenhänge zu verstehen. Informationen, die wir benötigen oder die in irgendeiner Form für uns relevant sind – die behalten wir auch. Jeder, der sich schon einmal auf eine Prüfung gleich welcher Art vorbereitet hat, weiß, dass er sich während der Prüfung an Dinge erinnern konnte, die er anschließend als überflüssig gewordenen Ballast schnellstmöglich wieder vergisst.

Beim Prüfungsstoff handelt es sich zumeist um Fakten, die einem Kontext stehen und daher leichter memoriert werden können. Daneben gibt es natürlich noch das Tausenderlei des für den jedermann gänzlich irrelevanten Faktenwissens über die Größe von Straußeneier, die Musikalität Benjamin Franklins oder die Anzahl der Farben auf einer Flagge. Dergleichen wird nur für Quizshows gebraucht. Oder für psychologische Tests.

Denn mit genau dieser Art Fragen und Fakten hat Betsy Sparrow von der Columbia-University in New York Studenten traktiert, um herauszubekommen, ob wir durch die mehr oder weniger ständige Verfügbarkeit von Fakten via Google & Co nicht mehr in der Lage sind, uns Dinge merken zu können.

Unter anderem sollten sich die Studenten die Antworten und Fakten am Computer notieren. Der einen Hälfte wurde gesagt, die Informationen würden dauerhaft gespeichert, den anderen, dass sie nach der Eingabe wieder gelöscht werden. Und potzblitz: Die Teilnehmer der Gruppe, die an eine feste Speicherung der völlig arbiträren Informationen glaubten, konnten sich anschließenden nicht mehr ganz so gut erinnern, wie die anderen Teilnehmer, die ihr Gedächtnis mit dem Quatsch belastet haben. Nun gut. Eines der Ergebnisse der Studie: Wenn wir davon ausgehen, dass wir auf alle möglichen Informationen problemlos zugreifen können, dann merken wir uns eher den Ort, wo die Daten gespeichert sind als die Daten selbst.

Psychologen mögen das spannend finden – laut New York Times war Sparrow verdutzt: „‚That kind of blew my mind,‘ Dr. Sparrow said in an interview“ –, interessanter als die Studie selbst scheint mir die Berichterstattung über sie zu sein.

Google macht vergesslich

behauptet da die Welt,

Mit Suchmaschinen und Internet merken sich Menschen weniger

tönt es bei der SZ und die österreichische Boulevardzeitung Die Krone behauptet gar

Gehirn vergisst einfache Fakten durch Online-Suche

Dabei scheinen die Redakteure nur vergessen zu haben, welche Qualität die „einfachen Fakten“ haben, die wir liebend gern vergessen, weil wir sie überhaupt nicht haben wissen wollen.

Bei Spiegel Online holt man gleich zum Rundumschlag aus. Nicht Google, sondern das

Internet macht vergesslich

Bei Netzwelt.de greift man noch weiter daneben und behauptet kurzerhand:

Suchmaschinen verändern unsere Erinnerung

Gut möglich, dass sie das tun. Aber darum ging es in der Studie überhaupt nicht, eher um die Fähigkeit, zusammenhangslose Informationsbrösel zu erinnern.

Eine Pressemitteilung zur Studie (bei der ich jetzt nicht so recht weiß, für wen sie geschrieben wurde) liest sich anfangs ähnlich dramatisch:

Zu viel Googeln macht uns vergesslich

Oder vielleicht auch nicht. Nach der knalligen Behauptung rudert man zügig zurück, um zu einer gänzlich anderen Aussage zu kommen:

Zumindest organisieren wir dadurch die Art neu, wie wir uns erinnern, formuliert es Psychologin Betsy Sparrow von der Columbia University.

Nur bei der Zeit scheint man einen kühlen Kopf bewahrt zu haben:

Internet macht vielleicht doch nicht dumm

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Dylan & Knopfler kommen im Herbst nach Deutschland

16. Juli 2011, 13.34 Uhr | Giesbert Damaschke

Plakat Bob Dylan Mark KnopflerWer es noch nicht mitbekommen haben sollte: Bob Dylan und Mark Knopfler gehen im Herbst gemeinsam auf Tournee und kommen auch nach Deutschland:

Bob Dylan & Band featuring Mark Knopfler & Band live 2011:
23. Oktober: Oberhausen, König-Pilsener-Arena
25. Oktober: Mannheim, SAP Arena
26. Oktober: München, Olympiahalle
27. Oktober: Leipzig, Arena
29. Oktober: Berlin, o2 World
31. Oktober: Hamburg, o2 World
6. November: Hannover, TUI Arena
7. November: Nürnberg, Arena Nürnberger Versicherung

Update: Inzwischen sind die Preise genannt worden, eine Karte kostet zwischen rund 90 und 120 Euro. Die besten Plätze für rund 120 Euro scheinen bei Eventim schon ausverkauft zu sein. Ich glaube, ich werde diesmal auf His Bobness verzichten.

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Ein Leserbrief

13. Juli 2011, 10.53 Uhr | Giesbert Damaschke

Da habe ich einen kuriosen Leserbrief zu einem Kommentar in einem meiner Blogs bekommen:

Guten Tag,

ich bitte Sie den Link auf Ihrer Webseite: “www.insidemac-blog.de/[…]” zu “[…]” umgehend zu entfernen. Diesen haben wir nicht gesetzt. Bitte informieren Sie uns sobald der Link entfernt wurde. Sollte dies nicht der Fall sein, werden wir uns erneut schriftlich mit Ihnen in Verbindung setzen.

Mit freundlichen Grüßen,
[…]

Abgesehen vom grenzwertigen Tonfall: Wie kommt der Absender auf die Idee, er könne wegen eines völlig normalen Links zu seiner Webseite rechtliche Schritte in die Wege leiten? (Denn das ist mit der Drohung, man werde sich „erneut schriftlich mit [mir] in Verbindung setzen“ wohl gemeint.)

Ich habe übrigens den gesamten Kommentar entfernt, der war eh Spam, den Akismet durchgelassen und ich übersehen hatte.

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Hallo, dpa!

29. Juni 2011, 12.53 Uhr | Giesbert Damaschke

Das ist ja nett, dass ihr einen Tweet von mir zitiert. Aber müsst ihr mich dann gleich zum „Blogger“ machen?

Für Lacher im Netz sorgt auch die Erkenntnis von Siebert, dass sich Ausrüster Adidas und der DFB ausgerechnet die Billig-Schrift mit dem Namen «Action Man» für die Beflockung des Frauen-Nationaltrikots ausgesucht hätten. «Da hat der DFB echt Geld in die Hand genommen: Der fürchterliche Trikot-Font heißt “Action Man” und ist Freeware», twittert beispielsweise Blogger Giesbert Damaschke.

(n-tvSZ, stern.de)

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Action Man

27. Juni 2011, 11.58 Uhr | Giesbert Damaschke

Die deutschen Fußball-Frauen spielen zwar schönen und erfolgreichen Fußball, müssen aber in einigermaßen hässlichen Trikots auflaufen. Beim Art Director Michael Preidel weckte er immerhin professionelles Interesse: wie heißt diese Comicblasen-Schrift? Und wie kommt sie auf die Trikots? Preidel machte sich auf die Suche und wurde fündig. Der DFB nennt den Font „rund“, „elegant“ und „feminin“, was ihm wohl Grund genug für diesen typografischen Fehlgriff war. Zumal Mann seinen schlechten Geschmack auch noch billig unter Beweis stellen konnte: Der angeblich feminine Font heißt „Action Man“ und ist Freeware.

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Ein lustiges Missverständnis der robots.txt

20. Juni 2011, 13.12 Uhr | Giesbert Damaschke

Thomas Knüwer formuliert in einem Kommentar bei Presseschauder eine lustige Idee:

Ähm… Wenn Facebook sich Suchmaschinen öffnen würde, könnten alle privaten Informationen ausgelesen werden. Wäre Ihnen das lieber?

Offensichtlich glaubt Knüwer, die robots.txt verhindere, dass private Daten in den Suchmaschinen landen. Das ist natürlich Unfug. Die robots.txt sperrt keine Verzeichnisse vor unbefugtem Zugriff, sie hängt lediglich ein Schild „Bitte nicht betreten“ davor. Und wie im richtigen Leben ist es auch im Internet: man kann solchen Bitten folgen. Oder auch nicht. Wie formuliert es doch gleich die Wikipedia? So:

Das Protokoll ist rein hinweisend und ist auf die Mitarbeit des Webcrawlers angewiesen.

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Ähnliche Bilder mit Google suchen

18. Juni 2011, 16.32 Uhr | Giesbert Damaschke

Gelegentlich stolpert man über Webseiten, bei denen es sich offensichtlich um Bauernfängerei handelt. Zum Beispiel diese hier. Auf diesen Seiten werden dann immer mal wieder begeisterte Kunden gezeigt. Das sieht dann etwa so aus:

Pseudo-Testimonals

Diese Pseudo-Testimonals sind natürlich gefälscht. Spaßig ist es aber doch, den Fotos der abgebildeten Personen nachzuspüren. Ermöglicht wird dies durch die Suche nach ähnlichen Foto bei der Bildersuche von Google (Search by Image).

Der Suche übergibt man die URL des Bildes, kann anschließend nach ähnlichen Fotos suchen und stellt dann schnell fest, dass „Jürgen, 56“ auch für Businesskleidung oder einer Arztpraxis wirbt, oder als Revisor, Arbeitgeber und Consultant herhalten muss:

Matching Image Suche Google

Vielleicht sollte man zur Illustration seiner Webseiten nicht unbedingt zum nächstbesten Bilderdienst greifen.

(angeregt durch eine Diskussion bei Sphex)

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Wulst

15. Juni 2011, 12.19 Uhr | Giesbert Damaschke

Was macht man, wenn man ein mehr oder weniger geistreiches Zitat hat, aber nicht mehr weiß, von wem es stammt? Man könnte googlen (und dabei ziemlich oft auf die richtige Fährte stoßen). Man kann sich auch einfach auf sein löchriges Gedächtnis verlassen und den nächstbesten Namen, der einem einfällt, als Quelle dazusetzen. Zum Beispiel so:

Ulrike Gierlinger gab eine Einführung. „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße es Wullst“, zitierte sie Karl Kraus.

Es ist nicht ganz klar, ob die Kraus-Zuweisung von Ulrike Gierlinger oder vom Autor des Oberbayerischen Volksblatt stammt. Klar ist allerdings, dass es sich dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht um ein Karl-Kraus-Zitat handeln kann, dazu ist es einfach zu fad.

Also: Google to the rescue. Und siehe da – schon unter den ersten Treffern findet sich ein Wikipedia-Artikel zu dieser Redewendung. Dort kann man dann erfahren, dass sich das bescheidene Witzchen bereits 1894 bei Ludwig Fulda nachweisen lässt:

Weiß nicht, was echte Künstler sollen
Mit eurem theoretschen Schwulst;
Kunst kommt von Können, nicht von Wollen:
Sonst hieß es „Wulst.“

Auch das Thema „Zuschreibungen“ wird ausführlich behandelt:

Im Laufe der Zeit verselbständigte sich die Redensart, die ursprünglichen Autoren und Zusammenhänge wurden vergessen. In der Folge wurde sie zahlreichen sehr unterschiedlichen Personen zugeschrieben, die jedoch als Urheber auszuschließen sind, da sie 1894 zu jung bzw. noch nicht geboren waren oder die Zuschreibung im Nachhinein vom Hörensagen erfolgte. Genannt werden z. B. Hans Thoma, Friedrich Nietzsche, Max Liebermann, Ludwig Thoma, Karl Kraus, Friedrich Gundolf, Siegfried Jacobsohn, Hermann Groeber, Julius Schniewind, Karl Valentin und Joseph Goebbels.

Es kommt selten genug vor, dass man eine frei flotierende Formulierung so präzise nachzuweisen vermag. Schön, dass es in diesem Fall gelingt.

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Giesbert Damaschke mag nichts

14. Juni 2011, 12.39 Uhr | Giesbert Damaschke

Beim ZDF hatte man eine hübsche Idee: eine Facebook-App verspricht, das Benutzerprofil in ein Mainzelmännchen zu verwandeln, liest aber statt dessen die persönlichen Daten aus und zeigt sie an:

Statt das Profilbild des Users wie versprochen in ein Mainzelmännchen zu verwandeln, wird der Internetnutzer mit all seinen scheinbar privaten Daten konfrontiert – ein echter Datendieb hätte ihn “nackt” gemacht.

Das habe ich mal ausprobiert. Und das kam dabei heraus:

Screenshot der ZDF-Facebookapp

Nur die Liste der Freunde, die sollte ich noch blockieren. Aber das scheint leider nicht vorgesehen zu sein.

Stichwort Facebook-Apps: Die nutze ich praktisch überhaupt nicht, lediglich eine Twitter-App reicht meine Tweets automatisch an Facebook durch. Wobei ich mich allerdings schon frage, warum diese App, die lediglich an meine Pinwand posten können soll, dazu zwingend diese Rechte haben muss:

Auf meine allgemeinen Daten zugreifen: Dazu zählen Name, Profilbild, Geschlecht, Netzwerke, Nutzerkennnummer, Freundesliste und alle anderen Informationen, die ich mit „Allen“ teile.

Auf meine Profilinformationen zugreifen: „Gefällt mir“, Musik, Fernsehen, Filme, Bücher, Zitate, Über mich, Aktivitäten, Interessen, Gruppen, Veranstaltungen, Geburtstag, Religiöse Ansichten und politische Einstellung, Ausbildung und Bisherige Arbeitgeber

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