Prantl pfeift im Blätterwald
Sonntag, 17. August 2008, 21.56 Uhr | Giesbert Damaschke
Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung ist ein ausgewiesen kluger Kopf. Aber manchmal irrt auch er. Zum Beispiel dann, wenn er beim Vergleich Zeitung – Internet (Die Zeitung ist tot. Es lebe die Zeitung!) den entscheidenden Unterschied vor allem in der Geschwindigkeit des Internets sieht und damit automatisch für die Zeitung die sagenwirmal anspruchs- und würdevollere Form aufspart:
Weil es das Internet, weil es also nun bessere, schnellere Methoden bloßer Informationsvermittlung gibt, kann sich die Zeitung auf anderes konzentrieren – auf Analyse, Hintergrund, Kommentierung, auf Sprachkraft, Gründlichkeit und Tiefgang, auf all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt.
Das klingt eher nach wishful thinking und Pfeifen im Dunkeln und ist in seiner Absolutheit so wenig nachvollziehbar wie die spätere Behauptung, die “Stärke des Internets” sei “die Rasanz”, während die Zeitung von der “Reflexion” lebe.
Das stimmt schon allein deshalb nicht, weil ein weiteres, wichtiges Merkmale des Netzes – nämlich, nun ja: die Vernetzung von Informationen – dabei genau so unter den Tisch fällt, wie das dritte große Merkmal, die dezentrale Kommunikation, die durch das Internet etabliert wird.
Die dem Internet als differentia specifica attestierte “Rasanz”, die “Hetze der Echtzeit” ist also nur eine von mehreren Optionen, die das Internet bietet. Nichts und niemand zwingt einen dazu, sich an ihr zu beteiligen. Auch im Netz sind “Analyse, Hintergrund, Kommentierung, Sprachkraft, Gründlichkeit und Tiefgang” problemlos realisierbar. Und warum auch nicht?
Wenn die Zeitung noch eine Weile überlebt, dann nicht so sehr wegen ihrer Inhalte, sondern wegen ihrer Form. Denn noch ist eine aufgeschlagene SZ-Doppelseite um ein vielfaches leichter zu rezipieren als eine entsprechende Menge Text am Bildschirm. Die Zeitung bzw. der Druck auf Papier bietet Aufbereitungsmöglichkeiten für schlechterdings alle Arten von Information, die digital am Bildschirm nur schwer bis überhaupt nicht zu realisieren sind.
Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Internet auch hier aufgeschlossen haben wird, so geht etwa die Entwicklung in Sachen digitales Papier zwar langsam, aber sie geht voran. Vielleicht werden wir auch an großen Touchdisplay arbeiten, deren Inhalt man wie beim iPhone hin- und herschieben kann, womit sich sehr viel mehr Informationen für den direkten Zugriff aufbereiten lassen als bei den bisherigen Methoden.
Wie auch immer, eines scheint mir jedenfalls klar: Irgendwann wird es keine Zeitungen mehr geben. Wann auch immer das sein wird.






Ihr Kommentar
2 Kommentare zu Prantl pfeift im Blätterwald
Wolf Larsen schreibt:
20. August 2008, um 23:24
Das scheint mir aber auch keine sehr ambitionierte Prognose zu sein. Das stimmt für alles. Sogar fürs Internet.
Wolfgang Sommergut schreibt:
22. August 2008, um 22:28
Heribert Prantls falsche Hoffnung für die Zeitung…
Der Tod der Zeitung ist angesichts sinkender Auflagen und Rückläufiger Leserzahlen schon oft prophezeit worden. Der SZ-Autor Heribert Prantl sagt dem Printmedium aber noch ein langes Leben voraus, wenn es sich auf seine Stärken konzentri…