Projekt Gutenberg-DE; oder: Wie man eine grandiose Idee ruiniert
Samstag, 6. September 2008, 17.21 Uhr | Giesbert Damaschke
Gestern wies ich auf den 255. Geburtstag Christoph Martin Wielands hin und verlinkte die Sämmtlichen Werke, die es als PDF-Datei in der Arno-Schmidt-Referenzbibliothek gibt. In den Kommentaren zu diesem Beitrag ergänzte Georg noch den Hinweis auf Wieland im deutschen Projekt Gutenberg, was mir Gelegenheit gibt, über diese Missgeburt zu schimpfen.
Denn zwar werden dort in der Tat eine Unmenge an klassischen Texten kostenlos zur Verfügung gestellt – aber in welcher Form! Es wäre nicht so schlimm, dass jeder Text in einer winzigen Arial mit zu wenig Durchschuss und im Falle von Prosa auch noch im schlechten Blocksatz präsentiert wird, könnte man den Text komplett herunterladen und ihn nach eigenem Gusto formatieren und auf ein Lesegerät seiner Wahl kopieren. Doch genau das kann man nicht.
Das allein ist schon sehr ärgerlich, bei Verserzählungen wie etwa Wielands Musarion führt die Formatschwäche obendrein umstandslos zu einem unlesbaren Zeilenfall. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Immerhin, es gibt eine Druckfassung, die (nach dem Eindruck einiger Stichproben zu urteilen) zwar auch jede Menge Satzfehler hat und unlesbar gesetzt ist, aber überwiegend korrekt umbricht. Allein – auch hier ist wenig Hoffnung, denn jeder Text, ganz gleich, ob Druck- oder Browserfassung, wird in viele kleine Stücke zerhackt.
Für das erste Buch der Musarion braucht man zum Beispiel vier Bildschirmseiten. Zum Vergleich: auch bei Zeno.org werden umfangreichere Texte aufgeteilt, aber man orientiert sich dabei an den Einheiten des Textes und zeigt das erste Buch der Musarion auf einer Bildschirmseite komplett an.
Anders gesagt: Das Projekt Gutenberg-DE ist gut für die Klickquote von Spiegel Online und die Jäger der verlorenen Zitate. Für Leser ist es eher nichts.
All das wäre noch eingedenk des geschenkten Gauls achselzuckend zu akzeptieren, würde man nicht einfach rotzfrech den Namen des großen US-Vorbilds missbrauchen. Denn beim Project Gutenberg, dem echten, nicht dem deutschen Bluff, werden die Texte nicht nur im Browser angezeigt (übrigens vollständig und am Stück), sondern auch als Dateien kostenlos in verschiedenen Formaten zum Download bereit gestellt. Als HTML, Text oder auch im E-Book-Format Plucker. Zum Beispiel Charles Brockden Browns Schauerroman Wieland: or, the Transformation.
Das Project Gutenberg ist großartig. Projekt Gutenberg-DE – ach, lassen wir das.






Ihr Kommentar
4 Kommentare zu Projekt Gutenberg-DE; oder: Wie man eine grandiose Idee ruiniert
Bonaventura schreibt:
6. September 2008, um 18:21
Yep!
Georg schreibt:
8. September 2008, um 7:47
Stimmt. Ich hatte mir das nie richtig angesehen, weil ich Bücher sowieso aus der Bibliothek hole. Aber jetzt habe ich ein paar Stichproben gemacht und muss Ihnen zustimmen: Mist.
Jochen schreibt:
20. Februar 2009, um 21:00
Da kann ich nur voll und ganz zustimmen. Gutenberg-DE ist reine Geschäftemacherei mit dem guten Namen Gutenberg.
Leider ist das Sortiment auf gutenberg.org nicht so umfangreich.
Hier eine Lösung für die technischen Unzulänglichkeiten: http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=24971
iRead schreibt:
6. März 2009, um 9:14
Ich hab es zwar nicht ganz so krass ausgedrückt, aber ich muss dir zustimmen ;)
Schon traurig, wie eine gute Idee an der Umsetzung und dem Egoismus scheitert.