Rocket E-Book

Donnerstag, 16. November 2000, 23.53 Uhr

Darauf hatte ich lange gewartet. 20 Jahre, um genau zu sein: Auf einen Lesecomputer, der potentiell alle Literatur der Welt fasst und trotzdem in die Tasche passt. Als Mitte des Jahres das lange angekündigte Rocket E-Book endlich auch hierzulande zu haben war, gab es kein Halten – das Ding musste her. Seit fünf Monaten ist das Gerät nun schon im alltäglichen Einsatz: Zeit für einen kleinen Erfahrungsbericht.

Rocket E-BookDas Rocket E-Book kostete ursprünglich 675,00 Mark, später 199,00 Euro und wurde über Partnershops im Internet vertrieben. Doch auch wenn die Rockt-E-Book Website nach wie vor im Netz erreichbar ist, lasse man sich nicht täuschen: Der Hersteller Gemstar hat Herstellung und Vertrieb seines Rocket E-Books am 16. Juni 2003 eingestellt (s. hierzu die entsprechende Meldung bei Heise Online).

Eines vorweg: Die feingeistigen Kritiker auf Jenny-Treibel-Niveau und raunenden Beschwörer des „guten Buchs“ können getrost hinter ihrem Dünndruckband Stifter verstauben. Und dass sich nun ausgerechnet ein Computerbuchautor wie Jörg Schieb dazu aufschwingt, das Rocket E-Book in denkbar peinlicher Metapher als „Gift für Leseratten“ zu bezeichnen, ist in seiner Geschmacklosigkeit ja nur zu erkennbar die Kompensation eines schlechten Gewissens, als dass man sich damit allzu lang aufhalten sollte.

Nach 5 Monaten regelmäßiger Lektüre steht zumindest eines fest: Man kann auf dem Gerät problemlos längere Texte für längere Zeit lesen und der Kauf hat mich, trotz des happigen Preises von 675 Mark, nicht gereut – auch wenn die aktuelle Materialisierung meines Traums bestenfalls ein leidiger Kompromiss ist. Anders gesagt: Das Rocket E-Book ist – so, wie es derzeit ist – ein ziemlicher Murks. Nicht, dass es Computer & Lektüre verschmilzt, ist ihm vorzuwerfen, sondern dass es das nicht konsequent genug tut. Aber der Reihe nach.

Es wiegt 626 Gramm, liegt gut in der Hand und wird über zwei Tasten, einen Stift und ein simples Interface bedient. Bis zu 18.000 Seiten sollen in die 16 MByte Speicher passen – eine Zahl, die man bezweifeln kann: auf meinem Lesecomputer sind derzeit rund 3.000 Druckseiten abgelegt (darunter so voluminöse Schinken wie „Auf zwei Planeten“, „Der Schatz im Silbersee“, „Die Flusspiraten des Mississippi“ oder „Effi Briest“) und es sind noch etwa 6 MByte frei.

Das waren die guten Nachrichten. Kommen wir zu den schlechten. Für einen dezidierten Lesecomputer hat das Rocket E-Book ein erstaunlich schlechtes Display, der angezeigte Text pixelt deutlich auf und ohne Hintergrundbeleuchtung sieht man nur einen dunklen Matsch auf spiegelndem Grund. Immerhin: Die Beleuchtung kann in 5 Stufen den Lichtverhältnissen angepasst werden, erlaubt die Lektüre im Dunkeln – im Sommer sehr zu empfehlen: In der kühlen Abenddämmerung lesen, ohne durch eine Leselampe allerlei Getier anzulocken – und mit ihr ist einfacher Text tatsächlich auch längere Zeit lesbar.

Wobei die Betonung auf „einfach“ liegt – mehr als fortlaufenden Prosatext von links oben nach rechts unten kann das Gerät wegen seiner nur rudimentären Layoutfunktionen nicht darstellen. Das reicht für die übliche Erzählprosa, doch schon bei Versen bereitet der Zeilenfall Probleme und vor typographisch etwas anspruchsvolleren Texten – vom Theaterstück bis zu Arno Schmidts Kurzromanen aus den fünfziger Jahren – muss das Gerät hoffnungslos kapitulieren. Zu allem Überfluss entpuppt sich der Name des Geräts als der übliche Marketingscherz. Da geht nichts raketenmäßig ab, sondern kriecht so lahm dahin, dass man auf die Volltextsuche getrost hätte verzichten können. Die ist ohnehin unbrauchbar.

Doch über die technischen Mängel des Rocket E-Books kann man hinwegsehen, die sind schließlich behebbar. Ob das auch für das eher bizarre Vertriebskonzept gilt, scheint fraglich. Dazu gehört etwa die Idee, eine digitale Datei müsse so viel kosten wie das Pendant auf Papier – obwohl dabei praktisch keine Zusatzkosten entstehen und die Darstellung auf dem Rocket E-Book im Vergleich zu den Möglichkeiten des Buchdrucks nur eine Notlösung ist.

Als Rechtfertigung für die absurde Preisgestaltung wird gelegentlich die Buchpreisbindung vorgeschoben – als ob das, was für Taschenbücher gang und gäbe ist, nicht auch für die digitale Fassung gälte. Nichts und niemand hindert einen Verlag daran, das gedruckte und gebundene Buch für 49,95 Mark anzubieten und gleichzeitig den Preis für die digitale Fassung auf 4,95 Mark festzusetzen. Nein, dieses Argument ist ein derart windiger Unfug, dass man fast auf die Idee kommen könnte, die eigentliche Aufgabe des Rocket E-Books sei nicht die Verbreitung digitaler Texte, sondern die Abschaffung der Preisbindung.

Nicht minder absurd mutet das ursprüngliche Konzept an, dass auf dem Rocket E-Book nur autorisierte Texte vorsieht. Die digitalen Bücher sind nicht nur unverschämt teuer, sondern obendrein kopiergeschützt und über die Seriennummer unlösbar mit ihrem Lesecomputer verbunden, was zu einem schlicht idiotischen „Alles oder Nichts“ führt: Wer ein digitales Buch verleihen möchte, muss das Rocket E-Book gleich dazu geben, ein technischer Defekt im Lesegerät lässt die gesamte Bibliothek zu unlesbarem Datenmüll werden.

Doch glücklicherweise – und hier kommen wir nun endlich zum großen Pluspunkt des Gerätes, der mich mit seinen Nachteilen versöhnt – ist man nicht auf das karge und überteuerte offizielle Lektüreangebot angewiesen. Auch wenn es der Hersteller eher nebenbei erwähnt und den meisten Kritikern so gut verborgen geblieben ist, dass sie es regelmäßig unerwähnt lassen: Auf dem Rocket E- Book können prinzipiell sämtliche digital vorliegenden Texte – vom Selbstgeschriebenen über einzelne Literatur-CD-ROMs bis zu den schier unerschöpflichen Beständen des Projekts ‚Gutenberg‘ und der Digitalen Bibliothek – angezeigt und gelesen werden. Ohne Kopierschutz oder Seriennummer. Zwei kleine Haken hat die Sache allerdings: Zum einen müssen die Texte in das Schrumpf-HTML des Rocket E-Books gebracht werden, zum anderen ist die Textauswahl bis auf wenige Ausnahmen auf urheberrechtsfreie Texte beschränkt.

Allein – das bisschen HTML ist schnell gelernt und der zweite Haken könnte sich unterem Strich noch als Vorteil erweisen, handelt es sich bei den urheberrechtsfreien Titeln fast ausschließlich um klassische Werke der Weltliteratur. Wer weiß – vielleicht wird das Rocket E-Book noch der mächtigste Verbündete der Literatur in den Zeiten des Internet.

Zuerst erschienen bei: Die Zeit im Internet, 46/2000


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5 Kommentare zu „Rocket E-Book“

[…] Seiten Text gespeichert sind, bis hin zu speziellen Lesecomputern für elektronische Texte wie Rocket eBook oder SoftBook, die in den USA seit Ende letzten Jahres auf dem Markt […]

[…] Hardware: elektronische Tinte gab es nicht, die Geräte waren praktisch bis auf den Bildschirm runterkastrierte Handhelds mit entsetzlicher Darstellungsqualität auf Palm Pilot-Niveau. Futter gab es auch kaum. Und das für Preise um die 350 […]

Aus heutiger Sicht, wirklich interesant zu lesen. Hätte damals auch nicht gelaubt, dass es nochmal fast 10 Jahre dauert, bis sich ebook reader durchsetzen

Ich freue mich das Teil 2001 erstanden zu haben. Es lieferte mir Lesespass bis in die Nacht.
Leider lieferte es mir bei elektronisch zugänglicher Fachliteratur (MINUS) nur dürftige Ergebnisse. Habe viel mit Website-Klon-Programmen gespielt um mir z.B. Manuals zu holen. Oder ich musste PDF’s als html (-ähnliches) exportieren um an das ran zu kommen (sofern irgendwie möglich).
ABER, das Gerät hat mir viel Freude um den Preis beschert (80,- €, 2nd Hand)

Seit 14 Tagen habe ich ein Galaxy Tab und selbiges nutze ich natürlich für das Lesen von Fachlit. sowie Manuals (Bücher: siehe PostScript1), nebst allen anderen (noch unzureichend ausgeloteten) Möglichkeiten des TABs.

Finde es nur im nachhinein „zach“ (Öst.Dict.) 10 Jahre warten zu müssen um endlich das Gerät zu bekommen, das ich damals wollte. :-)

Btw: Das Rocket wird immer noch verwendet – Mit dem selben Akku !!!!!

PS: Bücherkauf auf aktuellen Androiden/allg Smartphones, welche auch immer, wird immer mehr zum „APP_eines_Vertriebes_installieren_um_ein Buch_kaufen_und_lesen zu können“
==> Keine Weitergabe, nicht auf sich selbst(auf andere APP) weitergeben. nicht (wirklich) mitnehmen können wenn man das Gerät wechselt, schon gar nicht wenn andere Hersteller oder gar andere Anbieter, das ist immer an eine „App“ gebunden.
Der tot der Verlage oder der tot des weitergeben des gelesenen Wortes)
==> ABER alle Titel werden zum quasi gleichen Preis wie das gedruckte, gebundene Buch verkauft. sehr falsch, das Ganze.

Der alte Beitrag zeigt einem immer wieder wie schnell die Technik sich entwickelt.