Über die angeblichen Twitter-Romane

Donnerstag, 16. Juli 2009, 17.22 Uhr

Neuerdings stößt man – etwa bei Tagesschau.de oder in der Zeit – auf Berichte über eine angeblich neue literarische Form, den „Twitter-Roman“. Als Beispiel dient der jüngste Versuch The French Revolution, es gibt aber noch ein paar Beispiele, die Markus Kolbeck in seinem Leipziger Bücherlei verlinkt.

Wer genauer hinsieht, stellt allerdings rasch fest, dass es sich hier mitnichten um etwas Neues und schon gar nicht um „Twitter-Romane“ handelt. Hier werden Texte lediglich satzweise getwittert – das ist alles. Und für die Klassifizierung als „Twitter-Roman“ entschieden zu wenig.

Ein solcher Roman müsste die typischen formalen Merkmale von Twitter aufgreifen, also: Follower, Re-Tweets, Links, Antworten, Hash-Tags und so weiter. Ein echter Twitter-Roman müsste in das vernetzte Sprachgewusel von Twitter eingebunden werden und wäre nur als offenes Gespräch mehrerer Autoren denkbar, die natürlich auch fiktiv, also verschiedene digitale Inkarnationen eines realen Autors, sein können. Ein Twitter-Roman wäre also eine spezifische Abwandlung eines Briefromans.

Ein einzener Autor, der seinen Text beziehungslos via Twitter häppchenweise in die Welt pustet, mag ein guter Autor und sein Text interessant, anregend, lustig, kurz: lesenwert sein. Das ist nicht zu verachten. Aber das ist kein Twitter-Roman.

(Angeregt durch eine Diskussion im Klassikerforum)


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website:

5 Kommentare zu „Über die angeblichen Twitter-Romane“

Als Autor eines dieser Twitter-Romane (www.twitter.com/wrz_der_weise) kann ich dem nicht ganz zustimmen.
Sicher ein „reiner“ Twitter-Roman müßte sich all der genannten Ingredienzien bedienen, dennoch…
Ich schreibe „spontan“ täglich an der Fortsetzung; einen größeren – aber flexiblen – Plan habe ich nur im Hinterkopf. Gut, das könnte ich auch in Form eines Tagebuches oder Blogs machen.
Gleichzeitig wird mein Schreiben aber sehr stark durch die 140-Zeichen-Beschränkung von Twitter bestimmt. Und durch die Annahme eines täglichen „Häppchens“-Lesers. Dh. würde ich die Story nicht auf Twitter schreiben, würde sie ganz anders ausfallen. Ob ich deshalb eine neue Romankategorie miterfinde? Vermutlich nicht.
Aber formal – und pragmatisch – ist ein Roman, den ich auf Twitter verfasse für mich ein „Twitter-Roman“. Ich erlaube mir also deshalb vorerst bei dieser Benamsung zu bleiben.
H. Havas

[…] Literaturform, die anderen kritisieren den oberflächlichen Einsatz von Twitter. So habe ich einen Blogartikel gefunden, der auch meine Meinung repräsentiert: In Twitter-Romanen werden lediglich einzelne […]

Über Begriffe streiten ist uninteressant. Wer die fortlaufende Veröffentlichung von Stummelsätzen per Twitter als T-Roman bezeichnet, kann das von mir aus gerne tun. Die Frage wäre nur: Schreibt dann nicht sowieso schon jeder seinen eigenen T-Roman?
Literarisch interessanter sind sicherlich die Möglichkeiten, die sich aus den Merkmalen und Topoi des Mediums ergeben. In meinen Augen wäre ein T-Roman vor allem Präsenz, also die Vorstellung, dass jeder Tweet sich Jetzt ereignet (vergl. Bundesliga-Live-Ticker). Ferner die Stimmen, die sich von außen einmischen oder sogar parallel laufen (Polyphonie), d.h. der Autor könnte z.B. an 10 Accounts parallel schreiben, die sich dann an irgendwelchen Ereignispunkten berühren („Tauben im Gras“ als Vorlage?). Da kommt man dann zu Roman-Formen, an denen Arno Schmidt seine Freude und seine kalkulatorische Herausforderung gehabt hätte. Und natürlich „top-modern“ in der Darstellung der Spannung zwischen Bewusstseinskonvergenz und -divergenz. Wie ein Theaterstück, wo alle durcheinandersprechen/aneinander vorbeisprechen und sich nur ab und zu sich einmal für einen Halbsatz zuwenden. Sehnsucht nach Verbindung bei gleichzeitigem hilflosen Gefangensein in seinem eigenen unglücklich-witzelnden Narzissmus. „Chronologie des laufenden Schwachsinns“ …
So ein T-Roman wäre aber eben nicht so einfach zu haben wie „ich fantasiere jeden Tag 1 Tweet und irgendwas wird schon herauskommen“.

[…] Dies als »Twitter-Roman« zu bezeichnen ist reichlich hoch gegriffen, wie der Internet-Literaturkenner Giesbert Damaschke bereits 2009 anlässlich eines ersten Twitter-Roman-Hypes schrieb. […]