„Ja, mach nur einen Plan …“

Mittwoch, 20. April 2005, 16.48 Uhr

Es gibt Tage, da pfeif ich am liebsten Bert Brechts „Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ vor mich hin. „Ja, mach nur einen Plan“, heißt es da, „sei ruhig ein großes Licht. Und mach dann noch ’nen zweiten Plan – geh’n tun sie beide nicht.“

Es ist nämlich wie verhext: ganz gleich, mit welchem Tool ich auch arbeite; ganz egal, ob ich Papier und Bleistift, einen elektronischen Taschenkalender oder Outlook einsetze; gleichgültig, wie sehr ich mir auch vornehme, Termine sorgfältig zu notieren, Aufgaben minutiös zu planen und meine Zeit realistisch und rational einzuteilen – es gelingt mir trotzdem nicht. Ich bin mit fast allen meine Aufgaben zu spät dran, alle Termine werden auf den allerallerletzten Drücker so gerade eben noch eingehalten, ich strampel und hampel mich ab, wusel von einem Projekt zum nächsten und in meinem Büro wachsen Papierstapel, als würden des Nachts heimtückische Heinzelmännchen gezielt für Unordnung sorgen.

Lange Jahre glaubte ich, ich müsste nur das richtige Werkzeug benutzen und mein Planungs-Chaos würde sich in wohlgefällige Ordnung auflösen, in der ich allzeit bereit alles im Griff habe. Also habe ich mit immer neuer Begeisterung jeden neuen „Zeitplaner“, der mir in die Finger fiel, sofort eingesetzt, ihn für ca. eine Woche als die Lösung aller Probleme betrachtet und anschließend frustriert zur Seite gelegt. Bis zum nächsten Tool. Heute bin ich da etwas nüchterner geworden, habe alle Hoffnung fahren lassen und erkläre meine Unordnung kurzerhand zum kreativen Chaos, ohne das ich überhaupt nicht arbeiten könnte.

Aber ich geb’s ja zu – es wurmt mich doch, dass es so rein gar nichts werden will mit einem gut durchorganisiertem Arbeitsalltag in meiner kleinen Textmanufaktur. Das heißt – bis vor Kurzem wurmte es mich. Dann fiel mir ein trostreicher Artikel über eine Studie zweier amerikanischer Psychologen in die Hände und seither weiß ich: Ich bin mit meinem Problem nicht allein. Ja, mehr noch – das alltägliche Durcheinander bildet geradezu eine Grundkonstante der menschlichen Psyche: Wir können gar nicht anders, als im Chaos produktiv zu werden.

Diesen Trost verdanke ich den beiden Herren Gal Zauberman und John Lynch Jr., die bei einer Studie etwas sehr Verblüffendes herausfanden: Wir alle gehen davon aus, dass wir in der Zukunft mehr Zeit haben als heute.

Ein Beispiel: Sie nehmen sich vor, heute eine ganz bestimmte Aufgabe zu erledigen. Alles ist gut geplant, es kann gar nicht schief gehen. Sie fangen am Morgen mit Ihrer Arbeit an – da kommt ein Kollege herein und will Ihnen eine lustige Geschichte erzählen. Kaum haben Sie ihn höflich, aber bestimmt aus dem Zimmer komplimentiert, da klingelt ihr Telefon. Das ignorieren Sie, aber jetzt haben Sie den Faden verloren und beginnen noch mal von vorn. Sie sind unkonzentriert, kriegen Hunger und holen sich erstmal einen Kaffee. Es fällt Ihnen ein, dass Sie eigentlich schon viel weiter hätten sein wollen. Dann beruft Ihr Chef ein überraschendes Meeting ein. Mit Ihrer Aufgabe werden Sie heute jedenfalls nicht mehr fertig.

Nun gut, denken Sie, heute ist es blöd gelaufen, zu viele zufällige Ablenkungen, die man ja nun wirklich nicht vorher sehen konnte. Vielleicht waren Sie auch einfach nicht so gut drauf, ein wenig übermüdet und unkonzentriert, nicht am „Leistungslimit“, wie es bei Fußballern neuerdings immer heißt. Na egal, Schwamm drüber – morgen wird alles besser.

Als ob es am nächsten Tag keine Kollegen, Telefone oder Meetings gäbe, keine Verspätungen, keine Staus und keine Kopfschmerzen.

Es ist wirklich verrückt. Jeder kennt diese oder eine ähnliche Situation und weiß eigentlich aus Erfahrung, dass immer irgendetwas ist, das einen aus der geplanten Arbeit reißt, aber wir weigern uns beharrlich, diese Unwägbarkeiten des Alltags in unsere Planung einzubeziehen. Wir verdrehen auf völlig irrationale Weise unsere Erfahrungswerte und erklären die Störung zur Ausnahme, den ruhigen, perfekten Arbeitstag, an dem wir in Topform und ausgeschlafen sind, zur Regel – obwohl wir doch ganz genau wissen, dass es umgekehrt ist.


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: