»John redete; dann redete er nicht mehr.«

Dienstag, 17. April 2007, 14.48 Uhr

Joan Didion hat ein trostreiches Buch über ein trostloses Thema geschrieben.

Joan Didion Das Jahr magischen Denkens Cover Am 30. Dezember 2003 stirbt der amerikanische Schriftsteller John Dunne im Alter von 71 Jahren beim Abendessen an Herzversagen. Seine Frau, die Schriftstellerin Joan Didion, hat über ihr Leid und ihre Trauer ein Buch geschrieben: Das Jahr magischen Denkens.

Nach verschiedenen Herzoperationen und einer einschlägigen Krankengeschichte mit ungünstiger Prognose kam John Dunnes Tod vielleicht nicht »plötzlich und unerwartet«, doch seiner Frau, die ihren Stil und ihr Schreiben als das definiert, was ich bin, verschlägt er monatelang die Sprache.

Im Januar 2004, ein, zwei oder drei Tage nachdem es passiert war, notiert sie die Worte, die nun die Einleitung ihres Trauerbuches bilden:

Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.

Erst am Nachmittag des 4. Oktober 2004 tastet sie sich wieder an ihre Sprache heran und versucht, das Geschehene zu verstehen, indem sie sich Rechenschaft über ihr Jahr magischen Denkens gibt.

Der Titel des Buches bezieht sich auf das typische Trauerverhalten Hinterbliebener – die spontane Leugnung des Geschehens – und den unbewussten Versuch, die Katastrophe durch ritualisierte Handlungen ungeschehen zu machen, was zu scheinbar unlogischem und paradoxem Verhalten führt.

So stimmte Didion der Autopsie der Leiche zu, ist aber bestürzt, als eine Freundin den für die Nachrufe zuständigen Redakteur der New York Times informiert, und hat

das dringende Bedürfnis zu verhindern, daß jemand von der Los Angeles Times von dem Vorfall erfuhr.

Denn in Los Angeles gehen die Uhren anders –: wenn John Dunne am 30. Dezember um 22.18 Uhr in New York stirbt, dann ist es in Los Angeles erst 19.18 Uhr und John Dunne also noch am Leben. Ein Gedanke, den Didion denkt, ohne das Gefühl zu haben, unlogisch zu sein: Magisches Denken, das nur den einen Wunsch kennt, der Tote möge zurückkehren.

Dieser Wunsch bestimmt fortan ihr Verhalten und äußert sich schon in ihrem Beharren darauf, diese erste Nacht [nach dem Tod ihres Mannes] allein zu verbringen. Denn:

Natürlich wußte ich, daß John tot war. […] Trotzdem war ich keineswegs darauf vorbereitet, diese Nachricht als eine endgültige zu akzeptieren: Es gab eine Ebene, auf der ich glaubte, daß das, was passiert war, rückgängig gemacht werden konnte. Deshalb mußte ich allein sein. […] Ich mußte allein sein, damit er zurückkommen konnte. So begann mein Jahr magischen Denkens.

An anderer Stelle beschreibt sie, wie sie damit beginnt, die Kleidung ihres verstorbenen Mannes zu ordnen, um sie wegzugeben. Ihr Mann ist zu diesem Zeitpunkt gut zwei Monate tot, sie glaubt, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Bis sie zu den Schuhen kommt:

Ich blieb in der Tür zum Zimmer stehen. Ich konnte seine restlichen Schuhe nicht weggeben. Ich stand dort eine Weile, bevor ich begriff, warum: Er würde Schuhe brauchen, wenn er zurückkam. Daß ich diesen Gedanken begriff, löschte ihn keineswegs aus. Ich habe immer noch nicht versucht herauszufinden (etwa, indem ich die Schuhe weggebe), ob der Gedanke seine Macht verloren hat.

Auch wenn ihr Thema zu hilfloser Sentimentalität und Selbstmitleid einlädt und man es ihr als Leser jederzeit sofort zubilligen würde – Tatsächlich haben Trauernde dringende Gründe, wenn nicht sogar ein dringendes Bedürfnis, Mitleid mit sich selbst zu haben, notiert sie zur Frage des Selbstmitleids – erlaubt sich die Schriftstellerin Didion kein Ausweichen in Tröstungen und Versprechungen, sondern bleibt beherrscht und formbedacht. Die Katastrophe, um die der gesamte Text kreist, ereignet sich in einem einzigen, denkbar knappen Satz: John redete; dann redete er nicht mehr.

Didions Bericht ist mehr als ein document humain individueller Trauer, an der der Leser mitleidig Anteil nimmt. Das Jahr magischen Denkens ist eine Phänomenologie der Trauer, ein eindringlicher Text über Verlust und Leid, unprätentiös, präzise, klarsichtig, aufrichtig und überwältigend nüchtern. Didion versucht einen Sinn zu finden, ist aber viel zu ehrlich und klug, als dass sie sich mit teleologischer Sinngebung im Nachhinein trösten oder ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode richten könnte. Sie hat die große Todesklage, die die Literatur im Innersten zusammenhält, um eine weitere Stimme bereichert.

Nach Beendigung des Buches stirbt auch die Tochter Quintana, deren Krankheit im Buch eine große Rolle spielt, im Alter von 39 Jahren. Joan Didion hat die Theaterfassung ihres Erinnerungsbuches um den Tod ihrer Tochter als Schlusskapitel ergänzt. Derzeit wird das Stück The Year of Magical Thinking – ein Monolog einer Frau namens »Joan Didion« – mit Vanessa Redgrave in New York gespielt.

Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel. Berlin: Claassen 2006. ISBN 3-546-00405-1. 18,00 Euro. (Bei Amazon bestellen.)

geschrieben für literaturkritik.de.


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