Josef Haslinger, Opernball

Samstag, 18. März 2006, 1.10 Uhr

Auf das Buch war ich schon lange neugierig, es kam mir gelegentlich unter, aber ich kam nicht dazu, es zu lesen. Nun ist es im Rahmen der Kriminalbibliothek der Süddeutschen Zeitung erschienen. Knapp fünf Euro für eine akzeptabel gebundene Ausgabe, meine vorherige Lektüre (Carl von Holteis Schwarzwaldau; laut Arno Schmidt angeblich der »beste deutsche Krimi«, nunja) hatte ich gerade beendet, die Gelegenheit war günstig. Also kaufte ich und las.

Haslingers Roman

so wird ein gewisser Hubert Winkels auf dem Schutzumschlag zitiert, verbinde

auf ingeniöse Weise klassische Kolportageelemente mit einer geschickten erzählerischen Reflexion über das Verhältnis von Medienmacht und politischer Macht.

Auch der Klappentext geht naturgemäß in die Vollen. Dort erfahren wir, dass Opernball

eine raffinierte Mischung aus Politthriller und Gesellschaftskritik

sei und dass er

das schockierende Bild von Medieneinfluss und Gewalt in einer scheinbar heilen Welt

zeichne.

Nun ist dergleichen natürlich immer cum grano salis zu nehmen, auch sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei Klappen- und Umschlagtexte um Anzeigen handelt, die das Buch, das da im Schutzumschlag steckt, verkaufen sollen.

Allerdings liegen sie in diesem Fall schon erstaunlich weit daneben. Hubert Winkels scheint die »klassische Kolportage« nicht allzugut zu kenne, ansonsten würde er Opernball keine entsprechenden Elemente andichten.

Ob der Roman irgendetwas auf »ingeniöse Weise« verbindet, bleibe dahingestellt – sonderlich geschickt wollen mir die erzählerischen Mittel und Reflexionen des Romans allerdings nicht scheinen, eher schon altbacken plakativ. Auch ob »raffiniert« ein passendes Adjektiv zur Beschreibung des Textes ist, mag ich nicht beurteilen, aber dass der Roman für einen »Politthriller« doch reichlich betulich daher kommt, das getraue ich mich doch zu behaupten.

Opernball ist sauber konstruiert und zehrt von einem interessanten Einfall. Der Roman bietet jede Menge Ansatzpunkte für tiefschürfende Interpretationen, allerlei aktuelle Bezugnahmen und zahlreiche ein wenig pflichtschuldig abgehakte Stichworte. Es ist alles da, was die Werbung verspricht.

Nur eines findet sich auf den 374 Seiten nicht: Eine Sprache, die zu lesen sich lohnte. Natürlich gelingen Haslinger immer wieder Beschreibungen und einzelene Szenen, aber dass man mit Anteilnahme oder Spannung die Seiten umblättert, kommt eher selten vor.

Die Kapitel bestehen aus verschieden sein sollenden Gesprächsprotokollen, in denen der erzählerische Paukenschlag, mit dem der Roman beginnt, nachhallt und seine Entstehung rekonstruiert wird.

Es kommen zu Wort: Der Kameramann, der Ingenieur, Revierinspektor Fritz Amon, Fabrikant Richard Schmidleitner und Hausfrau Claudia Röhler.

Doch die von der Romankonstruktion behauptete Mehrstimmigkeit erweist sich rasch als Bluff, alle Figuren reden letztlich mit der gleichen Stimme. Man könnte seitenlange Passagen ausschneiden, durcheinandermischen und neu zusammensetzen – es würde nicht wirklich auffallen. Ob eine bestimmte Passage zu einer bestimmten Person gehört, merkt man am Inhalt, nicht am Stil.

Eingerahmt wird der Roman von zwei Meldungen, die aus einer Zeitung stammen sollen, aber in einem Tonfall verfasst sind, den man in der Tageszeitung üblicherweise nicht findet.

Und damit nicht genug, alle Figuren besitzen ein phänomenales Gedächtnis und können problemlos ellenlange Dialoge und Gespräche mit mehreren Beteiligten fehlerfrei erinnern und zitieren.

Haslingers Roman mag schlau ausgedacht und pfiffig eingefädelt sein. Aber das reicht leider nicht aus. Nicht für einen Roman und schon gar nicht für einen Krimi.

Wer all das, was man Opernball nachsagt und gleichzeitig einen wirklich spannenden Politthriller lesen möchte, der greife zu einem Roman von Eric Ambler. Zu welchem, fragen Sie? Ganz gleich, sie sind alle besser und relevanter als Opernball.


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Wen wunderts, daß „Opernball“ seinerzeit so bejubelt wurde? Man muß sich doch nur Haslingers Vita ansehen:

1976-92 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Wespennest“.
Gemeinsam mit Karl-Markus Gauß Herausgeber der Werke Hugo Sonnenscheins.
1986-89 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung.
Lehraufträge an den Universitäten Kassel, Innsbruck und Wien.
1989-90 Writer-in-Residence und Gast-Professor am Oberlin College, Ohio.
1986-94 gemeinsam mit Kurt Neumann Organisator der „Wiener Vorlesungen zur Literatur“.
Literarisch-musikalische Performances.
1992 Mitbegründer von „SOS Mitmensch“.
Lehrbeauftragter an der Universität Leipzig.
1995 „Opernball“ erscheint.

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