Karl Mays Leben (fast) von Tag zu Tag

Donnerstag, 22. Dezember 2005, 18.09 Uhr

Zuerst in: Der Beobachter an der Elbe, Nr. 5, Dezember 2005

Die biographische Literatur über Karl May ist nahezu unübersehbar. Es liegen mehrere Monographien vor, unzählige Aufsätze beschäftigen sich mit den verschiedenen Stationen seiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte und dank einer unüberschaubaren Flut dokumentarischer Arbeiten scheint das Leben Mays – nun, vielleicht nicht bis zum letzten Winkel, aber doch, so möchte man meinen, hinreichend genug erhellt zu sein, dass nennenswert Neues kaum noch zu erwarten ist.

Karl May Chronik Cover Band 1Dieter Sudhoff, Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik. Bamberg, Radebeul: Karl-May-Verlag 2005.
Band I: 1842–1896 ISBN 3-7802-0171-2. 19,90 Euro.
Band II: 1897–1901 ISBN: 3-7802-0172-0. 19,90 Euro.

Nun treten Dieter Sudhoff und Hans-Dieter Steinmetz mit ihrer auf fünf Bändeausgelegten Karl-May-Chronik an, um das Gegenteil zu beweisen. Nicht nur, so Dieter Sudhoff in seiner Einleitung zum ersten Band, stünde die »Karl-May-Forschung […] noch immer vor großen Aufgaben«, sondern eine Sichtung des bislang nicht publizierten Nachlasses und Recherchen in verschiedenen Archiven hätten gezeigt, »dass über kaum einen anderen Schriftsteller so viele ständig weiterkolportierten Irrtümer« kursierten »wie über [Karl May] und dass es kaum einen anderen Schriftsteller« gäbe, »über den wir angesichts des Wissensmöglichen so wenig tatsächlich wissen.«

Das rutscht ein wenig ins Plattitüdenhafte (gilt doch letztlich von jedem Schriftsteller, dass wir angesichts des Wissensmöglichen so wenig tatsächlich wissen), doch der Anspruch der Chronik ist zweifellos groß. Ob sie ihm wird stand halten können, wird sich erst nach Abschluss des Projekts weisen. Noch liegen von den fünf projektierten Bänden erst zwei vor. Die bereits für Oktober angekündigten Bände III und IV verspäten sich wegen neu aufgefundener Dokumente, die noch eingearbeitet werden sollen. Der abschließende Band V soll zusammen mit einem Begleitbuch im kommenden Frühjahr erscheinen.

Wenn also auch eine Gesamtbeurteilung nicht möglich ist, so ist doch jetzt schon erkennbar, dass Sudhoff mit seiner selbstbewussten Aussage, die Chronik unterscheide sich »wesensmäßig von allen bisherigen Biographien« und werde wohl auch »außerhalb des Karl-May-Kosmos […] wenig Vergleichbares« finden, nicht übertreibt. Zwar sind chronikalische Darstellungen in der biographischen Literatur ein bewährtes Mittel, aber man muss bei der Suche nach »Vergleichbarem« schon zu Werken wie der monumentalen achtbändigen Chronik Goethes Leben von Tag zu Tag greifen.

Ebenfalls unzweifelhaft erscheint, dass die Chronik auf sehr lange Zeit das wichtigste biographische Grundlagenwerk zu Karl May sein wird. Als Leser steht man immer wieder respektvoll staunend vor der schieren Materialfülle, die die beiden Autoren Steinmetz und Sudhoff da bewältigt und zwischen Buchdeckel gepresst haben. Es dürfte nahezu kein Dokument geben, dass von ihnen nicht ausgewertet und der Chronik dienstbar gemacht wurde. Dabei hat man sich natürlich nicht nur auf bereits publiziertes Material gestützt, sondern intensive Archiv-Recherchen betrieben und zum ersten Mal den erhaltenen, umfangreichen Nachlass, der im Privatarchiv des Karl-May-Verlages lange Jahre nicht in wünschenswertem Umfang zugänglich war, systematisch ausgewertet.

Die bedauernswert lückenhafte Dokumentenlage nicht nur der frühen Jahre Karl Mays bringt es allerdings mit sich, dass die Jahresaufteilung ein deutliches Ungleichgewicht aufweist. Deckt der erste Band mit dem Zeitraum 1842–1896 bereits volle 54 Jahre in Mays Leben ab, verteilen sich die restlichen 16 Jahre annähernd gleichmäßig auf die vier weiteren Bände. So bietet der bereits vorliegende Band II die Jahre 1897–1901, die weiteren Bände widmen sich dann den Zeiträumen 1902–1905, 1906–1909 und schließlich 1910–1912.

Als generelle Ordnungsstruktur des Materials dient, natürlich, der Kalender. Die Jahre bilden die Kapitel, die Tageseinträge die Absätze. Am Seitenkopf ist die jeweilige Jahreszahl gedruckt, so dass man sich blätternd sehr schnell zurecht findet. Allerdings sind die Tagesdaten etwas gewöhnungsbedürftig notiert. Statt der im Deutschen üblichen Angabe »Tag. Monat« wird jeder Eintrag mit der gefetteten numerischen Notation »MM.TT« eingeleitet. Eine Angabe wie »01.12« markiert also nicht den 1. Dezember, sondern den 12. Januar. Leider werden werden auch statt typographisch korrekter Anführungszeichen („“) die Zollzeichen (" ") benutzt, was insgesamt zu einem hässlichen und leider wenig lesefreundlichen Schriftbild führt.

Zu jedem Eintrag wird die Quelle genannt, der er sich verdankt. Dabei arbeiten die Autoren natürlich mit Abkürzungen, die erst im Siglen-Verzeichnis des noch nicht erschienenen Begleitbuchs aufgelöst werden. Immerhin hat der Verlag dieses Verzeichnis bereits vorab auf seinen Webseiten publiziert. Das Begleitbuch soll auch das bei einem Unternehmen dieser Größe unverzichtbare Register bieten.

Schon beim flüchtigen Durchblättern der beiden vorliegenden Bände fällt auf, dass es zu sehr vielen Einträgen Kürzel gibt, die auf eine gedruckte Quelle verweisen – ein deutliches Indiz dafür, dass in diesen beiden Bänden noch nicht mit allzugroßen Überraschungen zu rechnen ist. Hier finden sich gelegentlich neue Kleinigkeiten im Detail, aber ihr – nun allerdings gewaltiger und kaum zu überschätzender – Wert für den May-Forscher liegt vor allem wohl darin, das gesamte bisher bekannte Material handhabbar zu machen.

Wem das nun zu sehr nach einer Fachpublikation für Spezialisten klingt, der sei beruhigt: Die Chronik ist, das sei ausdrücklich betont, weit mehr als nur ein nüchternes Nachschlagewerk, sondern lässt sich nach ersten Irritationen tatsächlich mit großem Gewinn und wachsender Anteilnahme lesen und vermittelt einen neuen Zugang zu dem in jeder nur denkbaren Bedeutung merkwürdigen Leben Karl Mays.

Wo viel Licht ist, ist naturgemäß auch Schatten. Und so überwältigt man als Leser auch von der Datenmasse und dem Leben ist, das in ihr sich abzeichnet, kann man die gelegentlichen Schwächen besonders des ersten Bandes nicht übersehen. Hier finden sich mitunter eher spekulative Einträge und umfangreiche Zitate aus Mein Leben und Streben, die die Befürchtung nahe legen, die Chronik könnte am Ende unversehens ihren Teil zu den »ständig weiterkolportierten Irrtümern« beitragen.

Auf Dieter Sudhoffs eher peinliche ad hominem Attacken, in die seine Einleitung bei der Sichtung der bisherigen biographischen Literatur gelegentlich abgleitet, hätte man ebenfalls gern verzichtet. Und dass nun ausgerechnet im Karl-May-Kontext noch unverdrossen die objektive Kraft des Dokumentarischen in Lebenszusammenhängen beschworen und die Forderung aufgestellt wird, eine Biographie dürfe »keinerlei subjektive Interessen« verfolgen und müsse »die Lebenszeugnisse selber sprechen« lassen, verblüfft in ihrer hemdsärmligen Naivität doch etwas.

Allein – die wenigen schattigen Stellen können dieses gewaltige Projekt nicht wirklich beschädigen und man kann als Karl-May-Leser und -Liebhaber den beiden Autoren und dem Verlag nur auf das Herzlichste zu ihrem großartigen Werk gratulieren.

Hoffen wird, dass die noch ausstehende Bände möglichst rasch erscheinen.


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