Karl Mays Werke auf CD-ROM

Samstag, 21. Juni 2003, 14.38 Uhr

Zuerst in: Mitteilungen der KMG, Nr. 136, Juni 2003

Update 2008: Die in der Rezension genannten technischen Hürden sind inzwischen gemeistert, die Digitale Bibliothek läuft auch auf dem Mac. Der Text der CD-ROM steht außerdem bei zeno.org größtenteils online zur Verfügung.

Karl Mays Werke. Herausgegeben von Hermann Wiedenroth. Berlin: Directmedia, 2002. CD-ROM für Windows-Computer ab Windows 95. ISBN 3-89853-177-5. 49,90 €.

Seit nun schon mehr als fünf Jahren legt der Berliner Verlag Directmedia im Rahmen seiner Digitalen Bibliothek mit beeindruckender Kontinuität Literatur-CD-ROMs vor, die unter wohltuendem Verzicht auf multimediale Albernheiten dem Text und nichts als dem Text verpflichtet sind. Schließlich, so das Credo des Verlages, produziere man „CD-ROMs für Menschen, die Bücher lesen“ – womit man auch gleich einem der populärsten Kritikpunkte an digitalen Texten den Wind aus den Segeln nimmt. Dem Missverständnis nämlich, ein Text auf CD-ROM stünde nicht nur in Konkurrenz zum Buch, sondern kannibalisiere obendrein das Medium, verhindere doch die digitale Verfügbarkeit eines Textes den Absatz der gedruckten Version und sorge mithin dafür, dass, auf lange Sicht, das Buch verschwinden werde.

Nichts könnte verkehrter sein. Selbst der glühendste Anhänger digitaler Technik wird umstandslos einräumen, dass Texte am Bildschirm zwar zur Kenntnis genommen, kaum aber gelesen werden kann. Zumindest dann nicht, wenn man unter der Lektüre eines Textes einen komplexen, sinnlichen Vorgang versteht, der sich im reinen Informationstransfer bei weitem nicht erschöpft. Selbst ein noch so einfaches Taschenbüchlein ist in Sachen Les- und Handhabbarkeit jedem Computermonitor überlegen und auch der immerhin mögliche Ausdruck auf Papier ist unterm Strich nur eine frustrierende Notlösung für den besonders schmalen Geldbeutel: Wer einen Text von CD-ROM auf Papier ausdruckt, um ihn endlich lesen zu können, käme allenfalls als Benutzer einer Leihbibliothek in Frage, aber wohl kaum als Käufer eines Buches. Die Kritiker können also beruhigt sein, durch eine Literatur-CD-ROM wird kein Buch weniger verkauft, es erhöht sich lediglich die Zahl derjenigen, die Zugriff auf den Text erhalten – und damit vergrößert sich am Ende gar der Kreis der potentiellen Buchkäufer.

Es kann daher nicht überraschen, dass Directmedia seine Digitale Bibliothek explizit „nicht als Konkurrenz zum gedruckten Buch“, begreift:

Im Gegenteil, sie will vielmehr die spezifischen, bislang kaum ausgeschöpften Möglichkeiten der elektronischen Erfassung und Verarbeitung von Texten und Abbildungen nutzen, um die Welt der Bücher neu zu erschließen.

Nun bietet sich auch jedem Karl-May-Leser die Möglichkeit, sich ausgiebig mit den spezifischen Eigenheiten digitaler Texte vertraut machen, liegen doch seit kurzem als Band 77 der inzwischen auf rund 100 Bände angewachsenen Digitalen Bibliothek Karl Mays Werke. Herausgegeben von Hermann Wiedenroth vor.

Bei der Beurteilung einer Literatur-CD-ROM sind vor allem drei Fragen zu stellen: Welche Texte werden geboten? In welcher Qualität liegen sie vor? Und schließlich: Wie ist der Text erschlossen, welche Such- und Bearbeitungsfunktionen stehen also zur Verfügung?

Die Frage, welche Texte Karl Mays auf der CD-ROM zur Verfügung stehen, ist einfach zu beantworten: alle. Oder doch: fast alle. An größeren, bereits publizierten Stücken fehlen (wohl aus urheberrechtlichen Gründen) vor allem die Prozessschriften, Texte aus dem bislang unveröffentlichten Nachlass fehlen naturgemäß ebenfalls. Doch sonst ist tatsächlich alles vorhanden, von den ersten Redakteurs-Arbeiten aus Schacht und Hütte bis zum Spätwerk.

„Grundlage der digitalen Ausgabe“, so heißt es im Vorwort der CD-ROM, sei „der vorläufige Editionsplan der historisch-kritischen Ausgabe“, entsprechend wurde die gesamte Textmasse in sieben Abteilungen angeordnet, die auch von der HKA bekannt sind.

In der ersten Abteilung (Frühwerk) finden sich nicht nur bekannte Stücke wie Die Fastnachtsnarren, Wanda oder Der Gitano, sondern auch die dritte Abteilung des Buch der Liebe und der von May bearbeitete Waldläufer-Roman von Gabriel Ferry. Daran schließen sich als zweite Abteilung die sieben Fortsetzungsromane von Scepter und Hammer bis Der Weg zum Glück an. Mays Beiträge zu Spemanns Der Gute Kamerad füllen als Erzählungen für die Jugend die dritte Abteilung, während die vierte Abteilung die Texte versammelt, die für viele Leser wohl in erster Linie mit dem Namen Karl May verbunden sind: Durch die Wüste, Winnetou, Old Surehand & Co. kurz: Die Reiseerzählungen. Hier finden sich nicht nur die großen Romane, sondern auch kleinere Kleinere Reiseerzählungen, Aufsätze und Kompositionen wie Der Scout, Ein Oelbrand, Die Todeskaravane und Ernste Klänge (sechs Seiten Partitur zu Ave Maria und Vergiss mich nicht). Die fünfte Abteilung enthält schließlich das Spätwerk, das der Herausgeber mit dem Roman Am Jenseits beginnen lässt.

Gegen die ungeheure Textfülle dieser fünf Abteilungen fallen die sechste und siebte Abteilung der CD-ROM zumindest umfangsmäßig deutlich ab. So enthält die sechste Abteilung die Autobiographischen Schriften, worunter hier nicht nur Mein Leben und Streben oder Freuden und Leiden eines Vielgelesenen, sondern auch Mays Propaganda in eigener Sache wie Karl May als Erzieher und Die Wahrheit über Karl May verstanden werden. Die siebte und letzte Abteilung Briefe ist letztlich nur ein Platzhalter, die statt der zu erwartenden Briefe Karl Mays die Bildpostkarten des Leseralbums bietet – was natürlich, trotz der kleinen Irreführung, sehr begrüßenswert ist.. Abgerundet wird die imponierend umfangreiche Sammlung mit Volker Grieses bekannter Karl-May-Chronik.

Insgesamt umfasst der präsentierte Textkorpus – ohne das Leseralbum und ohne die Chronik – über 71.000 Bildschirmseiten, was ungefähr 45.000 bis 50.000 Buchseiten im Satzspiegel der HKA entspricht: In Sachen Textmasse gibt es bei dieser CD-ROM also wahrlich nichts zu kritteln.

Wie sieht es nun mit der Beantwortung zweiten Frage, also der Qualität der Texte, aus? Schließlich sagt die reine Quantität nichts über die Verlässlichkeit des gebotenen Materials und gerade bei May ist die Situation bekanntlich besonders verwirrend verlottert. Hier bürgt der Name des Herausgebers für die von der HKA gewohnte Qualität. In seinem Vorwort führt Wiedenroth zur Textgestalt der Ausgabe aus:

Bei 49 Bänden konnte der edierte Neusatz-Text der ‚Bibliotheksausgabe‘ […], übernommen werden, zwei weitere Bände folgen Umbruch-Fahnen in Vorbereitung befindlicher Titel, für alle anderen wurde der Text anhand von Reprints oder Originaldrucken neu erfasst und digital aufbereitet.

Jede Abteilung wird dabei mit einer detaillierten Übersicht über die zu Grunde gelegten Quellen eingeleitet.

Die CD-ROM bietet also den Textbestand in der verlässlichen Qualität, in der ihn die gedruckte HKA bietet bzw. bieten wird. Allerdings mit einem Unterschied: Auf editorische Berichte, textkritische Anmerkungen und ähnliche philologische Beigaben wurde vollständig verzichtet. Im Vorwort wird dieser Verzicht mit einem „zunächst“ abgeschwächt, was Hoffnung auf spätere Auflagen der CD-ROM macht, eingedenk der Erfahrung mit digitalen Dingen aber auch nicht allzu ernst genommen werden sollte.

Können so also Quantität und Qualität überzeugen, bleibt nur noch die Frage, wie dieses gewaltige Textmassiv digital erschlossen wurde. Hier kann der Verlag seine langjährige Erfahrung in die Waagschale werfen. Die Benutzeroberfläche ist schlicht, aber auf Effizienz getrimmt und leistungsfähig genug, dass die Lektüre der 32seitigen Einführung die Software nicht nur Computerlaien geraten sei, da durch bloßes Ausprobieren die Möglichkeiten der Software kaum auszuloten sind.

Natürlich kann man sich, so man denn unbedingt am Bildschirm lesen will, den Textbestand Seite um Seite anzeigen lassen, doch liegt die Aufgabe einer Literatur-CD-ROM natürlich an anderer Stelle. Eine solche CD-ROM ist nichts anderes als eine Datenbank und wie bei anderen Datenbanken auch besteht ihre Hauptfunktion darin, jede gesuchte Nadel im Datenheuhaufen zu finden.

Entsprechend wartet die CD-ROM mit einer ganzen Reihe verschiedener Möglichkeiten auf, mit der sich der gesamte Textbestand in kürzester Zeit nach Worten oder Wortfolgen durchsuchen lässt. Das reicht von der simplen Wortsuche über Häufigkeitslisten bis hin zur Erstellung komplexer Abfragen unter kombinierendem Einsatz der logischen Operatoren UND und ODER, Klammern und der beiden Platzhaltern * und ?, wie man sie auch von anderen Suchmasken kennt. Mit ein wenig Übung ist man bald in der Lage, praktisch jede Stelle bei Karl May wieder zu finden, an die man sich nur noch vage erinnert oder von der einem nur noch einige zentrale Begriffe in Erinnerung sind.

Die gefunden Passagen kann man sich sofort anzeigen lassen und so von Fundstelle zu Fundstelle blättern oder als Liste zusammenstellen, die eine wahlfreien Zugriff auf die Fundstellen erlaubt. So lassen sich Begriffe, Formulierungen oder Motive mit wenigen Mausklicks kreuz und quer durchs Gesamtwerk verfolgen. Neben den ausgefeilten Suchfunktionen bietet die CD-ROM verschiedene Bearbeitungsmöglichkeiten wie etwa der farblichen Markierung von Textpassagen, die automatisch in eine Liste übernommen werden. Jeder Eintrag in der Markierungs- oder Fundstellen-Liste kann kommentiert, also gewissermaßen mit einer Randnotiz inm digitalen Buch versehen werden, für allgemeine Notizen steht ein (sehr) einfacher Texteditor zur Verfügung.

Sämtliche Listen, Kommentare und Notizen lassen sich als externe Textdatei auf der Festplatte ablegen und beim nächsten Start des Programms wieder einlesen und die Arbeit bruchlos fortgesetzt werden kann. Dabei kann der Anwender die Informationen entweder manuell unter einem beliebigen Namen speichern, oder es dem Programm überlassen, das auf Wunsch sämtliche Markierungen automatisch speichert und beim nächsten Start automatisch lädt. Warum dieser nützliche Automatismus allerdings nur für die Markierungen zur Verfügung steht und der Benutzer Fundstellen und Notizen manuell speichern muss, ist ein wenig rätselhaft.

Bleibt am Schluss nur noch die Feststellung, dass die CD-ROM Karl Mays Werke nicht nur jedem an May Interessierten bedenkenlos empfohlen werden können, sondern dass sie sich schon jetzt, kurz nach ihrem Erscheinen, als ein de facto unverzichtbares Arbeitswerkzeug für jeden May-Leser und -Forscher erwiesen hat.

Allein – keine digitale Rose ohne technische Dornen: Die CD-ROM ist zwar in ihren Hardwareanforderungen sehr bescheiden und läuft problemlos auch auf älteren Computern, benötigt aber zwingend Windows ab Version 95. Wer mit einem Macintosh arbeitet, kann mit der CD-ROM vor der Hand nichts anfangen. Hier gibt es zwar Spezialprogramme wie VirtualPC oder SoftWindows, die einen PC bzw. einen Windows-Computer emulieren und so den Einsatz der CD-ROM auch unter fremden Betriebssystemen ermöglichen, doch sind diese Programme zum einen nicht ganz trivial, zum anderen nicht ganz billig und schlagen mit etwa 150 bis 300 Euro zu Buche.

Doch für alle anderen gibt es nur eins: Kaufen.