Keine Zeitung

Donnerstag, 4. Januar 2001, 14.16 Uhr

Das Jahr 2000 sollte endgültig beweisen, dass am Internet niemand mehr vorbeikommt: »Qualifizierungsoffensive«, »Wachstumschancen nutzen«, »Informationskompetenz« – so donnerte der Kanzler Anfang des Jahres. Doch blickt man auf die letzten zwölf Monate im Netz zurück, bleibt nur die nüchterne Bilanz, dass von den hochfliegenden Prognosen und Visionen auch heuer nicht sonderlich viel eingetroffen ist.

Zwar ist die Zahl der Internet-Nutzer wieder kräftig gestiegen – glaubt man der GfK, dann sind rund 18 Millionen Deutsche online, vor einem Jahr waren es erst 10 Millionen –, doch ein zukunftsweisendes Publikationsmedium ist das Internet immer noch nicht. Nicht dass die Verleger das Netz ignorierten – im Gegenteil: Es gibt auch in Deutschland keine nennenswerte Zeitung mehr, die nicht eine Online-Niederlassung eröffnet hätte. Selbst die FAZ, das Bollwerk traditionsbewusster Publizistik, kündigte noch rechtzeitig zum Jahreswechsel an, dass sie ihren bislang eher kümmerlichen Netzauftritt kräftig erweitern werde.

Wer von heute auf morgen kein bedrucktes Papier mehr lesen will, der muss auf keine Zeile Text verzichten und kann sich an kostenlosen Internet-Angeboten schadlos halten. Rund um die Uhr halten ihn unzählige Websites mit aktuellen Meldungen von AP, Reuters oder dpa auf dem Laufenden. Inzwischen gibt es mit netzeitung.de sogar eine komplette, kostenlose und professionelle Tageszeitung, die ausschließlich im Internet erscheint. Keine Frage – noch nie in der Geschichte der Publizistik hatten so viele Menschen so problemlos Zugriff auf so viele Nachrichten, Kommentare und Meldungen.

Doch je mehr Zeitungen sich im Netz präsentieren, je vielfältiger das Angebot wird, desto stärker drängt sich ein übler Verdacht auf: Das Internet ist keine Zeitung, war es nie und wird es vermutlich auch nie werden. Nicht nur weil niemand einen Text am Monitor so entspannt lesen kann wie auf Papier – dem könnte man durch Entwicklung besserer Displays abhelfen. Sondern weil die Überwindung technischer Hürden nur die conditio sine qua non auf dem Weg zur Lösung ist, nicht diese selbst. Je mehr Informationen im Netz abrufbar sind, desto deutlicher wird das eigentliche Problem aller Netzpublizistik: die Präsentation und Organisation großer Datenmengen. Selbst ein so vorbildlicher Web-Auftritt wie der der Financial Times Deutschland scheitert an der schlichten Tatsache, dass zu viel einfach zu viel ist.

Die Datenfülle einer normalen Tageszeitung lässt sich durch blätterndes Überfliegen der großen Seiten problemlos bewältigen. Am einseitigen, kleinen Bildschirm führt sie zur frustrierenden Überforderung des Lesers. Ganz gleich, wie gut oder schlecht ein Bildschirm ist, die Zeitungslektüre im Netz ist vor allem eins: Stress pur. Und solange die Netzpublizisten glauben, dieses Problem durch eine Nachahmung des traditionellen Zeitungslayouts in Kombination mit einer lächerlich ineffizienten Volltextsuche lösen zu können, so lange wird sich daran auch nichts ändern.

Zuerst erschienen in: Die Zeit, 1/2001


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: