Kennen Sie FUD?

Dienstag, 22. Februar 2005, 12.31 Uhr

Als Computer noch blinkende Schrankwände waren, dominierte IBM den Computermarkt und verteidigte seine Position mit harten Bandagen. Der wirksamste Trick bestand nicht darin, die Produkte der Konkurrenz schlecht zu machen, sondern darin Zweifel beim Kunden zu streuen, Unsicherheit über den geplanten Kauf des Konkurrenzprodukts zu erzeugen und die Furcht zu wecken, man könnte vielleicht eine verhängnisvolle Fehlentscheidung treffen.

Für diese Technik aus der Taschenspieler-Trickkiste des Marketings wurde das Kürzel FUD geprägt, das ausgeschrieben „Fear, uncertainty und doubt“ bedeutet, also Furcht, Unsicherheit und Zweifel.

Seither hat sich viel geändert, Computer sind winzig klein geworden, IBM will seine PC-Abteilung nach China verkaufen, das Internet macht die Anwender von einzelnen Computer unabhängig und der Markt wird von der Softwarefirma Microsoft dominiert.

Nur eines ist gleich geblieben: FUD.

Kaum eine Firma beherrscht diese Technik inzwischen besser als Microsoft. Seit der Firmengründung 1975 bis heute verläuft praktisch jede Produkteinführung von Microsoft nach dem gleichen Muster aus Versprechungen, Verzögerungen und Vertröstungen. Am Anfang steht die lautstarke Ankündigung des kommenden Programms, das nicht nur all das können soll, was die Konkurrenz kann, sondern natürlich obendrein viel besser sein soll. Man entwickele bereits eifrig und die erste Beta-Version steht angeblich kurz bevor.

Das mag stimmen oder auch nicht, wichtig ist für Microsoft nur, dass die Kunden das Versprechen glauben, die Taube auf dem Dach sei zum Greifen nah, man müsse nur den Spatz in der Hand los lassen.

Rückt der versprochene Erscheinungstermin dann näher, verschiebt Microsoft den Start ins nächste Quartal, bedauert die unvorhersehbare Verzögerung, publiziert aber zum Trost schon mal eine umfangreiche Liste der verblüffenden Fähigkeiten des neuen Programms, die den Kunden die Wartezeit bis zur nächsten Terminverschiebung verkürzt.

Ein klassisches Beispiel für diese Technik ist Windows, das Flagschiff von Microsoft. Die erste, eher rudimentäre Version erschien 1987 – angekündigt hatte Bill Gates Windows bereits 1983 (als Reaktion auf Apples Benutzeroberfläche, die all das konnte, was Windows erst noch bieten sollte).

Dass sich die Firmenpolitik bis heute nicht geändert hat, zeigt die Ankündigung einer angeblich neuen Version des Internet Explorers. „Microsoft kündigt IE 7 an“ kann man derzeit in der Fachpresse lesen und mancher Leser wird vielleicht erleichtert vor sich hinbrummeln: „Das wird aber auch Zeit“.

Doch Vorsicht! Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen – aber ich glaube an den IE 7 erst dann, wenn ich ihn tatsächlich installieren kann. Und schaut man mal etwas genauer auf die Ankündigung, entdeckt man auch gleich die typische Schlupflöcher: Microsoft hat mitnichten einen neuen Browser angekündigt, sondern nur gesagt, dass man im Sommer die Beta-Version (!) des IE 7 vorstellen will.

Fragt sich nur, was diese Ankündigung eigentlich soll – noch im Juni 2003 wurde offiziell bekannt gegeben, dass es keine neue Version des Internet Explorers mehr geben solle. Statt dessen wollte man den Browser als essentiellen Teil in das neue Windows (Codename: Longhorn) integrieren.

Woher also der Sinneswandel? Sind es wirklich nur die Sicherheitsproblem, die ein IE 7 beheben soll? Oder geht es nicht vielmehr darum, unliebsame Konkurrenz klein zu halten?

Denn der Browser-Markt, seit Jahren fest in Microsoft-Hand, ist in Bewegung geraten, Firefox droht dem IE-Imperium gefährlich zu werden. Also besinnt sich Microsoft auf seine bewährte Taktik und kündigt schon mal das viel bessere Produkt an, damit auch ja niemand auf die Idee kommt, den fremden Browser mal auszuprobieren. Wie wär’s – wetten wir, dass im Sommer keine Beta eines neue Browsers erscheinen wird, sondern nur eine neue Ankündigung?

Und bis dahin kann ich Ihnen nur raten: Installieren Sie Firefox.

(geschrieben für PC-Business Daily)