Kino im Kopf

Freitag, 22. Dezember 2006, 18.36 Uhr

Zuerst in: Karl May & Co. Nr. 104

Der Hörspiel-Klassiker Der Schatz im Silbersee liegt endlich auf CD vor.

Was wir heute als »Radio« kennen ist nur noch die betrübliche Schwundstufe eines Mediums, das vor knapp 50 Jahren die Haushalte in einem heute kaum noch vorstellbaren Maße dominierte. In einer Zeit, in der das Fernsehbild noch schwarz-weiß und ein Fernsehgerät unbezahlbarer Luxus war, war das Radio das wichtigste elektronische Massenmedium und der abendliche Mittelpunkt der Familie. Es versorgte die Menschen mit aktuellen Nachrichten, Hintergrundberichten, Diskussionen, und, natürlich, mit Unterhaltung in jeder Form, von der Sportreportage bis zum »bunten Abend mit Musik«.

Cover Schatz im Silbersee HörspielKarl May: Der Schatz im Silbersee. Hörspielbearbeitung von Kurd E. Heyne. Produktion: Westdeutscher Rundfunk 1955. 4 CDs. Random House Audio 2006. ISBN 3-86604-099-7. Ca. 25,00 Euro.

Als genuine Erzähl- und auch Unterhaltungsform des Rundfunks entwickelte sich das Hörspiel, das in der Zeit von etwa 1955 bis 1965 eine Blütezeit erlebte, in der zahlreiche Autoren sich in dieser neuen Form versuchten. Dabei reichte die thematische Bandbreite vom experimentellen Hörspiel über die Umsetzung klassischer (Dramen-)Literatur bis zur unterhaltenden Serienproduktion. Was heute die tägliche oder wöchentliche Soap Opera ist, war damals die Hörspiel-Serie oder der Mehrteiler.

Zu den erfolgreichsten Serien dieser Zeit gehören etwa die Paul Temple-Hörspiele, die Kriminalfälle des Kommissar Maigret, oder die satirischen Krimistücke um Dickie Dick Dickens und Gestatten, mein Name ist Cox (der später, als das Fernsehen sich anschickte, dem Radio den Garaus zu machen, auch den Sprung ins TV-Programm schaffte).

Bei der stetigen Nachfrage nach neuen Inhalten für die Serienproduktion nimmt es nicht wunder, dass man sich auch bei Karl May bediente, dessen populäre Abenteuergeschichten den Hörspielmachern willkommenes Material boten.

Die folgende Übersicht mag davon einen ersten Eindruck geben, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. – Die Daten stammen dabei aus der allgemeinen Hörspieldatenbank HörDat und aus der auf May spezialisierten Karl-May-Hörspieldatenbank. Dort finden sich auch weitere Details.

  • Der Schatz im Silbersee (NWDR 1955, 278 Minuten)
  • Winnetou (WDR 1956, 381 Minuten)
  • Old Surehand (WDR 1958, Länge nicht bekannt)
  • Fährten in der Prärie (NDR 1959, eine Bearbeitung von Winnetou 3 durch Günter Eich, mit Will Quadflieg als Winnetou, Länge nicht bekannt)
  • Durch die Wüste (WDR 1964, Länge nicht bekannt)
  • Der blaurote Methusalem (SDR 1965, 118 Minuten)

Wer mit dem Begriff »Karl-May-Hörspiel« nur die kurzen Europa-Versionen verbindet, denen das Fassungsvermögen einer LP enge Grenzen zog, wird vielleicht erstaunt sein, in welch großer Zahl in den 50er-Jahren Hörspiele produziert wurden.

Hier nahm man sich oftmals mehrere Stunden Zeit und verarbeitete die Stoffe zu Mehrteilern, die im Wochenrhythmus ausgestrahlt wurden. Das gilt für die Paul-Temple-Serie genau so wie für Winnetou, das wird, die Vermutung liegt nahe, wohl auch für die Karl-May-Hörspiele gelten, über deren Länge derzeit nichts in Erfahrung gebracht werden konnte.

Die Serien wurden mit einigem Aufwand produziert, die Sprecher waren ausgebildete Profis und bekannte Theater- und Filmschauspieler. So ermittelte René Deltgen als Paul Temple, Paul Dahlke als Kommissar Maigret und Karl-Heinz Schroth übernahm den Dickie Dick Dickens. Auch bei den Karl-May-Hörspielen agierten an den Mikrophonen namhafte und bewährte Sprecher, etwa Kurt Lieck, Heinz Schimmelpfennig, Herbert Hennies, Gustav Knuth, Kaspar Brüninghaus und zahlreiche andere.

Der Boom der Hörbücher hat die Regale der Buchhändler nicht nur mit vorgelesener Literatur auf CD-ROM gefüllt, sondern auch dazu geführt, dass die Rundfunkanstalten ihre immensen Archive nach Material durchstöbern, das einer erneuten Veröffentlichung auf CD – sei es unter künstlerischen, sei es unter merkantilen Aspekten – lohnt. Und so haben nun auch wir Nachgeborenen die Gelegenheit, uns den erstaunlich hohen Stand der Hörspielproduktionen dieser Zeit zu vergegenwärtigen.

Nachdem im letzten Jahr das Winnetou-Hörspiel von 1956 auf sieben CDs heraus kam, folgt nun die gut vierstündige Fassung von Der Schatz im Silbersee.

Wie schon beim Winnetou-Hörspiel kommt auch Der Schatz im Silbersee in einer schmucken und stabilen Pappbox daher, in der sich die (in diesem Fall vier) CDs in festen Kartonhüllen befinden. Die Aufmachung der Box passt zu der des Winnetou-Hörspiels. Auch hier schmückt ein Bild aus der amerikanischen Vergangenheit Box und Hüllen, auch hier ist das Bild keine Illustration einer bestimmten Szene, sondern atmosphärisch stimmige Bebilderung. Während der Verlag uns beim Winnetou-Hörspiel allerdings im Dunkeln lässt, woher das Bildmotiv stammt, wird uns dieses Mal immerhin der Name des Malers verraten.

Es handelt sich um ein Werk von Charles M. Russell und ein kurzer Abstecher zur Wikipedia liefert uns weitere Informationen. Russell lebte von 1864 bis 1926 und ist neben Frederic Remington der wohl bekannteste amerikanischen Künstler, der sich voll und ganz der Darstellung des Wilden Westens verschrieben hatte. Seine zahlreichen und populären Bilder – selbst wenn man Russell nicht kennt, kennt man meist doch seine Arbeiten – prägen bis heute unsere Vorstellung vom »Wilden Westen«. Von ihm ist auch ein Ausspruch überliefert, der recht gut zu May passt: »The Red man was the true American. They have almost gone but will never be forgotten.« In der Wikipeda findet sich auch das Titelbild der Hörspielbox wieder und so wissen wir nun also auch, dass es sich dabei um eine gekonterte (also spiegelverkehrte) Wiedergabe von Russells Lewis and Clark on the Lower Columbia handelt.

So hübsch und ansprechend die Verpackung, so enttäuschend ist es, dass der Verlag auch dieses Mal auf Hintergrundinformationen weitgehend verzichtet. Man erfährt nichts über die Produktion, nichts über das Radio der Zeit, nichts über die Ausstrahlung, nichts über die Rezeption und bis auf ihre Namen auch nichts über die Beteiligten.

Daher ist es leider nicht möglich, die Frage nach der Herkunft der stimmungsvoll ruhigen Musik, mit der die insgesamt acht Folgen eingerahmt werden, zu beantworten. Vermutlich gehört sie wohl nicht zum Original-Hörspiel aus dem Jahr 1955, wird doch als Komponist Rainer Quade genannt. Eine kurze Stichprobe im Internet fördert hier lediglich einen Komponisten mit diesem Namen zu Tage – und der ist 1964 geboren worden.

Die wenigen Informationen sind auf der Rückseite der CD-Hüllen abgedruckt, wo wir übrigens auch mit dem verblüffenden Detail konfrontiert werden, der Schatz im Silbersee sei »als Fortsetzungsroman in der Jugendzeitschrift Der treue Kamerad« abgedruckt worden. Nun ja.

Doch diese Enttäuschung wird durch das Hörspiel selbst mehr als aufgewogen. Das hohe Produktionsniveau, die großartigen Sprecher und die gekonnte Dramatisierung des Romans sorgen dafür, dass das »Kino im Kopf« den Zuhörer umstandslos in Karl Mays wundersame Wunderwelt um den Schatz im Silbersee entführt.

Doch Vorsicht! Wer eine detailgetreue Umsetzung des Romans erwartet, wird eine Überraschung erleben. Wie beim Film oder Theaterstück wird auch beim Hörspiel eine Romanvorlage mehr oder weniger stark bearbeitet. In diesem Fall erlaubte sich der Bearbeiter Kurd E. Heyne besonders in der zweiten Hälfte des Hörspiels einige sehr starke Eingriffe, die nicht nur dazu führen, dass die Figur des Hobble-Frank fast unbedeutend an den Rand rückt, sondern dass ganze Episoden entfallen und eigene Szenen hinzugefügt werden.

Ein weiterer Ein- oder vielmehr Kunstgriff des Bearbeiters ist die Einführung einer Rahmenhandlung. Die Geschichte vom Schatz im Silbersee beginnt nicht unvermittelt Auf dem Arkansas River, sondern in Köln am Rhein. Hier lebt der Sohn von »Tante Droll«, der einigen »Cowboy und Indianer« spielenden Jungen aus der Nachbarschaft die Geschichte vom Schatz im Silbersee als ein Abenteuer seines Vaters erzählt.

Durch diesen Kniff gelingt es Heyne, die bei einem Mehrteiler notwendigen Zusammenfassungen zu Beginn jeder Folge auf natürliche Art herzustellen. Jede Folge beginnt mit einer Variante von »Wo waren wir stehen geblieben?«, gibt eine kurze Rekapitulation der wichtigsten Ereignisse – und dann geht es weiter.

Doch keine Sorge – die Eingriffe und die Rahmenhandlung tun der Stimmigkeit des Hörspiels keinen Abbruch. Wer sich auf diese produktive Form der May-Rezeption einlässt und sich den Spaß am Zuhören nicht durch mäkelnde Fehlersuche verdirbt, dem stehen nicht nur einige Stunden amüsanter Unterhaltung bevor, sondern der wird sich mit diesem Hörspiel auch in die ungetrübten Tage frühen Leseglücks versetzen können.

Da bleibt einem nur zu wünschen übrig, dass Verlag und Sender auch die anderen May-Hörspiele aus der goldenen Zeit des Rundfunks neu auflegen und wieder zugänglich machen.


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