Kleiner Rechner ganz groß

Dienstag, 5. Juli 2005, 13.59 Uhr

Seit einigen Tagen steht eine kleine, silbergraue Kiste neben meinem Monitor. Sie belegt eine Fläche von rund 17 mal 17 Zentimeter und ist etwa fünf Zentimeter hoch. An der Vorderseite ist ein länglicher, waagerechter Schlitz, rechts unten eine winzige weiße Lampe. Auf der Rückseite befinden sich ein Ein-/Ausschalter und verschiedene Anschlüsse. Und zwar, von links nach rechts: Stromversorgung, Netzwerk, Modem, DVI (Monitor-Ausgang), zweimal USB 2.0, Firewire und eine Lautsprecher-Buchse. Oben auf der Kiste ist eine mattweiße Kunststoffscheibe mit einem grau eingedruckten, angebissenen Apfel. Auf dem Kästchen sitzt eine Ente (aber das gehört nicht hierher). Bei diese Kiste handelt es sich, Sie werden es ahnen, um den „Mac Mini“. Ich habe mir das Gerätchen zugelegt, weil ich im Laufe der nächsten Monate von Windows XP zu Mac OS X wechseln möchte und dieses Betriebssystem nur auf Computern von Apple zu haben ist.

Als Apple auf der letzte MacExpo den Mac Mini vorstelle, war ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte ein wirklich neues Gerät erwartet und statt dessen präsentierte Apple alten Wein in noch nicht mal neuen Schläuchen (dachte ich). Denn kleine, handliche und leise Computer sind nun wirklich nichts Neues (dachte ich). Dergleichen gibt es im PC-Bereich schon seit Jahren und in reicher Auswahl (dachte ich). Apple zieht hier einfach nur nach. Dachte ich. Denkste.

Seit ich den Mac Mini nicht nur von Pressekonferenzen kenne, sondern selbst im Einsatz habe, muss ich umdenken. Denn diese rechnende Keksdose ist nicht nur ein genialer Wurf, sie ist wegweisend für die Zukunft der Business-Computer.

Was sind die Hauptprobleme, mit denen man als Besitzer eines normalen Büro-Computers zu kämpfen hat? Diese hier:

  • Ein Computer ist ein relativ großes Gerät, das sich nicht nach Belieben aufstellen lässt, sondern durch seine schiere Größe zumindest mitdefiniert, wie man sein Büro einrichtet.
  • Selbst ein neuer, leiser Computer entwickelt bei längerer Betriebszeit eine erstaunliche Geräuschkulisse, die einem nach einiger Zeit ganz gewaltig auf die Nerven geht: PCs sind immer zu laut.
  • Besonders im Sommer bemerkt man in Großraumbüros rasch eine häufig unterschätzte Eigenheit elektronischer Großgeräte: Sie geben ein erstaunliches Maß an Wärme ab und heizen ohnehin schon aufgewärmte Räume noch weiter auf.

Diese drei Punkte fallen beim Mac Mini praktisch vollständig weg. Er ist so klein und handlich, dass er auf jedem noch so vollem Schreibtisch seinen Platz findet, er ist im Betrieb so leise, dass man sich dabei ertappt, wie man immer wieder auf das beruhigende Leuchten der weißen Kontroll-LED schielt, um sich davon zu überzeugen, dass das Gerät tatsächlich läuft und er wird bei längerem Betrieb zwar wärmer, aber beileibe nicht so warm wie seine Desktop-Kollegen.

Dabei muss man in Sachen Rechenleistung kaum Abstriche machen. Sicher, der Mini ist für rechenintensive Berechnungen von dreidimensionalen Grafiken in Echtzeit, professionellen Layout-Arbeiten und ähnlichen massiven Einsätzen weder gedacht noch geeignet. Doch er ist für alle Standard-Büroanwendungen wie Texte schreiben, Tabellen berechnen, Präsentationen erstellen, E-Mailen, Internet und so weiter bestens gerüstet. Es dürfte keine typische Alltagsaufgabe geben, die das Gerät vor ein unlösbares Problem stellte.

Er verfügt über standardmäßig über einen CD-RW/DVD-Laufwerk (auf Wunsch auch mit DVD-Brenner) und geht auch bei seiner maximalen Bildschirmgröße von 1920 x 1200 Pixeln nicht in die Knie. Ich habe ihn zum Beispiel derzeit an den DVI-Eingang meines Eizo-17″-TFT angeschlossen und arbeite mit einer Bildschirmauflösung von 1280 x 1024 Pixeln (und 16,7 Millionen Farben). Am analogen Anschluss hängt der Dell-PC mit Windows XP in der gleichen Auflösung, so dass ich relativ problemlos zwischen den beiden Computern wechseln kann. Der Mac Mini kommt mit der Auflösung genau so gut zurecht wie der Dell, das Verschieben von Objekten auf dem Bildschirm verläuft genauso flüssig.

Wie gesagt – wirklich neu ist das, was Apple da gemacht hat, nicht. Schon zu 386er-Zeiten habe ich als Hardware-Redakteur Kleinst-Computer getestet. Damals scheiterte das Konzept „So wenig Computer wie nötig, so viel Leistung wie möglich“ aber noch an der technischen Umsetzung, manche Geräte hatten thermische Probleme und starben den Hitzetod. Auf dem Markt setzten sich die Mini-Computer nicht durch, weil die PC-Käufer seinerzeit noch nach dem Motto „Je größer desto besser“ entschieden und die Kleinrechner nicht wirklich ernst nahmen.

Das hat sich in den letzten Jahren geändert, es gibt inzwischen eine relativ große Auswahl an kleinen Computern. Nur – so konsequent und effizient wie der Mac Mini ist derzeit kein Windows-PC. Verglichen mit dem Apple-Computer wirken sie allesamt klobig und unförmig.

Doch das muss ja nicht so bleiben – es wäre nicht das erste Mal, dass Apple den Weg weist, den der Markt dann nimmt. Kaum hatte Apple den Mac Mini offiziell vorgestellt, präsentierte Intel im März eine Antwort in Form einer voll funktionsfähigen Konzept-Studie und Anfang Juni zeigten verschiedene Hersteller auf der Computex in Taipeh / Taiwan PCs ihre Versionen eines Windows-PCs mit dem Formfaktor des Mac Mini. Technisch ist die Schrumpfaktion kein Problem, es ist, wie so häufig, eine Geldfrage. Die PC-Industrie lebt davon, dass sie für einen Massenmarkt produziert – und das ist der Mini-Markt noch nicht. Entsprechend kostspielig sind die Bauteile.

Doch behalten wir die Entwicklung im Auge. Schon der Notebook-Boom deutet darauf hin, dass die Kunden von den unförmigen Rechnerkisten genug haben – es ist gut möglich, dass mit der Verfügbarkeit entsprechender Computer auch der Markt der Kleinrechner noch ganz groß raus kommt.