Kontrollphantasie

Sonntag, 1. März 1998, 17.44 Uhr

Das Netz ist ohne Technik zwar nicht denkbar, doch sind seine Probleme mit Technik allein nicht zu lösen.

Es ist mal wieder soweit. Wieder einmal macht sich ein Kopf, in dem sich die Welt – anders als sonst in Menschenköpfen – allein in Zahlen und Tabellen zu malen scheint, anheischig, ein soziales Problem im Internet durch den brute-force-Einsatz von Datenbanken, Algorithmen, und anderem programmiertechnischem Firlefanz zu lösen.

Versprach im letzten Jahr die englische Firma Microtrope mit ihrem Image-Censor die einfache Säuberung des Netzes auf Knopfdruck, so ist es heuer ein »Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Hessen in Wiesbaden«, der dem schäbigen Treiben der Kinderpornohändler im Netz ein Ende bereiten will. Die Absicht ist lobenswert, doch die Idee, wie er sein Ziel erreichen will, einigermaßen absurd. Durch einen Vergleich der digitalen Fingerabdrücke von kinderpornographischen Bildern, die dem LKA bekannt sind, mit dem Datenbestand auf der Festplatte des Providers, soll der Dreck irrtumsfrei herausgefiltert werden können.

Das klingt einfach und narrensicher, erweist sich aber in der Praxis – die Idee wurde als Programm namens Perkeo umgesetzt – als der übliche halbgare Unfug, den aus realer Handlungsohnmacht geborene Kontrollphantasien gemeinhin hervorzubringen pflegen. Die Tatsache, daß, so der Hersteller Compass, das Bundeskriminalamt Perkeo »getestet und für gut befunden« habe, ändert daran so wenig, wie die positiven Reaktionen von FBI, Interpol und Scotland Yard.

Nicht nur, daß das Programm viel zu langsam arbeitet, als daß es im Alltag tatsächlich sinnvoll einsetzbar wäre – es ist im Ansatz verfehlt. Eine technische Lösung bietet immer auch die Möglichkeit einer ebenso technischen Gegenlösung. So sind zum Beispiel digitale Fingerabdrücke, die bei Perkeo in Form eines MD-5 realisiert werden, extrem penibel. Für sie gibt es nur die Alternative zwischen »identisch« und »nicht identisch«. Ähnlichkeiten zwischen zwei Dateien, und seien sie noch so stark, werden nicht erkannt und sind auch anhand der beide Digests nicht ableitbar.

Wenn sich zum Beispiel zwei 100 KByte große Dateien auch nur in einem einzigen Bit unterscheiden, dann sind die beiden Digests so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Ein Anti-Perkeo müßte also nur dafür sorgen, daß in einer Bilddatei bei jedem Dateizugriff ein beliebiges Bit kippt. Das machte für das menschliche Auge keinen Unterschied, ließe Perkeo aber schlagartig erblinden. Wenn die weltweiten Verbrecherbanden auch nur halb so gut organisiert sind, wie gemeinhin behauptet, wird es nicht lange dauern, bis ein solches Anti-Perkeo im Netz verfügbar sein wird und ein Anti-Anti-Perkeo erforderlich macht, das wiederum ein – na, Sie kennen das.

Natürlich sind technische Hilfsmittel sinnvoll, natürlich ist der Vertrieb kinderpornographischer Darstellungen im Internet ein ernstes Problem (nur ignorante Narren leugnen, daß es dergleichen im Internet gibt). Gut möglich, daß Perkeo im polizeilichen Alltag hilfreich ist. Aber kriminelles Handeln ist in erster Linie ein Problem der Gesellschaft, nicht des Mediums und auch nicht der Technik. Programme wie Perkeo suggerieren, daß sich soziale Probleme ganz einfach auf technischem Weg lösen lassen. Sie versprechen eine bequeme Methode im Umgang mit sehr unbequemen Tatsachen, sie verbreiten eine trügerische Sicherheit, in deren Schatten das üble Treiben unbeschadet weitergeführt werden kann. Sie verleiten dazu, die eigene soziale Verantwortung der Technik zu überantworten. Und so gesehen sind Perkeo & Co. weit aus schädlicher als hilfreich.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, März 1998


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