Liebesdienst, übers Ziel hinaus

Donnerstag, 21. Juni 2001, 20.27 Uhr

Zu Klaus Hoffmanns Karl-May-Buch
Zuerst in: KMG-Nachrichten, Nr. 128, Juni 2001

Man kann über Alles ein Buch schreiben.
Hieronymus Aurelius Schneffke

Eigentlich wurde alles schon längst gesagt. Von Claus Roxin zum Beispiel: »Man kann meinetwegen alle möglichen Werke Mays paraphrasieren, kürzen, umschreiben und ein Werk ›frei nach Karl May‹ daraus machen, aber man darf nicht sagen: das ist Karl May.«

Klaus Hoffmann Karl May CoverKlaus Hoffmann: Karl Mays Werke. Textgeschichte, Textbearbeitung, Textkritik. Berlin: Verlag Neues Leben, 2001. ISBN 3-355-01519-9, 336 Seiten, 42,00 Mark. – Kurz nach Erscheinen des Buches wurde die weitere Auslieferung durch eine einstweilige Verfügung des Karl-May-Verlages gestoppt. Derzeit ist der Titel nur antiquarisch erhältlich, Interessenten sei eine entsprechende Suchanfrage beim Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher empfohlen. 

So einfach ist es, in der Tat, so kurz und bündig lässt sich alles sagen, was es zu den bekannten Bearbeitungen der Werke Karl Mays zu sagen gibt und es wirft ein bedenkliches Licht auf die Karl-May-Rezeption, dass etwas derart nicht nur philologisch Selbstverständliches noch explizit formuliert werden muss. Klaus Hoffmann braucht dafür über 300 Seiten und selbst wenn man gerne einräumt, dass auch Roxins knappes Diktum in größerem Kontext steht, darf man sich fragen, ob denn die Welt nun wirklich ein ganzes Buch benötigt, das sich so ausgiebig mit dem Tun und Treiben derjenigen befasst, die, noch einmal Claus Roxin, »es besser […] als der Mayster« machen möchten und »durch die Bearbeitung von Werken Mays« versuchen, »sich gewissermaßen in die literarische Ewigkeit einzukaufen.«

Nun, bleiben wir bescheiden – die Welt braucht so manches und also auch das Buch von Hoffmann nicht. Doch wie steht es mit den alten und jungen May-Lesern, die ihren Autor so lieben, wie es Klaus Hoffmann offensichtlich tut, den die Liebe zum Gegenstand zu einem leidenschaftlichen und leider nicht immer zielsicheren Rundumschlag cum ira et studio gegen alles verführt hat, das sich am geliebten Objekt vergreift und zu schaffen macht? Stürmt Hoffmanns wütendes Plädoyer für den unbearbeiteten Karl May nicht mit geschlossenem Visier und eingelegter Lanze verbissen auf sperrangelweit geöffnete Scheunentore zu? Kommt sein Buch nicht schlicht etliche Dezennien zu spät, ist doch, um ein letztes Mal Claus Roxin zu zitieren, »jedem Interessenten […] der Urtext jederzeit greifbar«, womit der Bearbeitungsfrage doch sehr »die Brisanz, die Leidenschaftlichkeit, mit der sich die Leute noch vor zwanzig Jahren darüber streiten konnten« abhanden gekommen ist.¹

Selbst nach nur flüchtigem Einblick in das beträchtliche Textkonvolut zum Thema und erst recht nach einer kursorischen Vergleichslesung zwischen bearbeiteten und unbearbeiteten May-Texten, ist man zweifellos geneigt, Claus Roxin auch in diesem Punkt Recht zu geben: es ist genug. Der Kasus ist zu offensichtlich, als dass man für das ephemere Rezeptionskuriosum der Bearbeitungen mehr als ein Achselzucken erübrigen sollte. Sie sind, zweifellos, ein facettenreicher Fall der Literatursoziologie und ein vielleicht spannendes Kapitel einer noch zu schreibenden bundesdeutschen Verlagsgeschichte – für Leser jedoch, die an der rätselhaften Erscheinung des »sächsischen Phantasten« und nicht an seinen Bearbeitern interessiert sind, schrumpfen diese mitsamt ihren ebenso geschäftig auftrumpfenden wie gänzlich nichtigen Wichtigtuereien zur marginalen Fußnote zusammen.²

Doch wer nun, als May-Leser und -Liebhaber, glaubt, über Hoffmanns Buch so achselzuckend hinweggehen zu können wie über das ganze leidige Bearbeitungsthema, der irrt. Das erstaunlich umfangreiche, von der Boulevardpresse über die montäglichen Magazine bis zum TV-Bericht das gesamte Spektrum abdeckende Presse-Echo auf Hoffmanns Buch, belehrt einen da schnell eines Besseren, also Schlechteren, und lässt die abgeklärte Distanz nachgerade als professionelle Deformation erscheinen. Karl May ist offensichtlich nicht nur immer noch und immer wieder eine Schlagzeile wert, sondern dass und wie das Werk bearbeitet wurde, scheint außerhalb der passionierten May-Leserschaft fast unbekannt. Anders wären die heftigen Reaktionen der allgemeinen Presse kaum erklärlich. Man kann also durchaus über Alles und also auch über die Bearbeitung der Werke Karl Mays schreiben und der nahe liegende Einwand, Hoffmann biete »keine neuen Erkenntnisse«³, läuft schlicht ins Leere, weil er den allgemeinen Informationsstand und -bedarf in Sachen May-Bearbeitungen verkennt. Natürlich kann inzwischen jeder Interessierte auf den Urtext zugreifen – doch bevor er das tut, muss er, der an May Interessierte, erst einmal wissen, dass nicht überall Karl May drin ist,wo Karl May drauf steht.

Unter diesem Aspekt ist Hoffmanns Buch ein unschätzbares Aufklärungswerk für den »dankbaren Leser«. Hoffmann fasst die einschlägige Sekundärliteratur zusammen, ergänzt sie um einige Gesichtspunkte und bündelt so das bislang verstreute und nicht immer leicht zugängliche Material zum Thema. Dass das Buch mit seinem eher laxen Umgang mit den Quellen, nur gelegentlichen Zitatnachweisen, einigen wenigen summarischen Fußnoten und diversen Pauschalisierungen philologisch völlig unzureichend bleibt, fällt unter diesem Gesichtspunkt nicht weiter ins Gewicht. Für denjenigen, dem das ganze Ausmaß des Bearbeitungsdesaster erstmals in und mit Hoffmanns Buch unter die Augen kommt, sind dürftige Quellenangabe oder fehlerhaft abgeschriebene Zitat bei weitem nicht so wichtig wie für den kritischen Philologen oder Kenner der Materie. Auch wenn man sich wünscht, Hoffmann und sein Verlag hätten etwas mehr Sorgfalt walten lassen, so zählt es angesichts der von Arno Schmidt immer wieder wortgewaltig gerügten »selbst in schludrigen Deutschlands Mitten beispiellose Verwahrlosung der Texte« wohl zu den eher lässlichen Sünden, wenn Hoffmann im Eifer des Gefechts marginale Verschreiber und kleinere Unachtsamkeiten unterlaufen.

Problematischer ist es da schon, dass das Buch so zusammengeflickt wirkt, wie die Jacke von Sam Hawkens. Hoffmann stückelt Beispiel an Beispiel und fügt Kapitel an Kapitel, ohne dass in diesem Wust aus einzelnen Belegstellen mehr als eine grobe chronologische Ordnung erkennbar würde oder eine übergeordnete Perspektive auszumachen wäre, die das ungute Bearbeitertreiben als Ganzes vor Augen führte. So läuft Hoffmann immer in Gefahr, sich in verbissenen Einzelstellenkommentaren zu verlieren und die kritische Wucht des angesammelten Materials in unzählige mehr oder weniger überzeugende Beobachtungen auf der Mikroebene zu zerbröseln, statt geballt und ein für alle mal unwiderlegbar den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf zu treffen.

Bedenklich auch, dass Hoffmann da, wo er sich naturgemäß auf sehr dünnem Eis bewegt – nämlich bei der Frage, ob und wenn ja, in wie weit die Kolportage-Romane schon beim ersten Abdruck von fremder Hand bearbeitet wurden – sich kurzentschlossen zu apodiktischen Urteilen flüchtet, diese oder jene Stelle sei »ganz offensichtlich […] interpoliert worden« (S. 35), ohne dass er für die vorgebliche Offensichtlichkeit mehr als eine Handvoll Indizien vorweisen könnte oder gar die besonderen Produktionsbedingungen der langjährigen Kolportagefron berücksichtigte. Wie so viele vor ihm, gelangt auch Hoffmann »nur zu Mutmaßungen von unterschiedlicher Evidenz, nicht aber zu zwingender Sicherheit«, wie es die Herausgeber der historisch-kritischen Ausgabe redlich formulieren.

Zu welch peinlichen Fehlern diese Methode führen kann, zeigte Wolfgang Hermesmeier. So teufelt Hoffmann auf eine angebliche Bearbeitung E. A. Schmidts ein und lobt im Gegenzug den O-Ton Mays (S. 103). Allein: »Das, was Hoffmann als bearbeiteten Text beschreibt, ist exakt der Text der Erstausgabe [von ›Mein Leben und Streben‹], dort nachzulesen auf S. 214 […], während das von ihm als Originaltext zitierte aus der bearbeiteten dritten Auflage von 1914 stammt (dort S. 204).« Dergleichen ist nicht nur ärgerlich, sondern geradezu kontraproduktiv: Bleibt zu hoffen, dass der Verlag in einer zweiten Auflage hier und an anderen Stellen nachbessert und korrigiert.

Doch selbst die Kritik an solchen Patzern bleibt unterm Strich auf dem Niveau kleinlicher Mäkelei: So sehr man sich als May-Liebhaber auch wünschte, Hoffmanns Buch stünde fehlerfreier und glänzender da als es das tut, so kann man sich doch mit der Hoffnung trösten, ihm möge es gelungen sein, auch dem durchschnittlichen May-Leser ein wenig die Augen dafür geöffnet zu haben, in welchem Umfang das Werk Karl Mays bearbeitet, verändert, umgeschrieben, beschnitten, ergänzt, umgemodelt, überformt, collagiert, geflickt, zusammengeklebt – kurz: con amore und mit viel nichtsnutzigem Eifer über die Jahre ad usum delphini zugerichtet wurde.



Anmerkungen

Für die Internet-Fassung wurden die Anmerkungen gekürzt.

1 Christoph F.Lorenz, »Diskussion auf der Karl-May-Tagung in Wiesbaden« [1991], Teil 2: »Stimmen der Teilnehmer«. In: M-KMG 25 (1993), Nr. 95, S. 19–23. Hier: S. 21 f.

2 Es eine angenehme Rezensentenpflicht an dieser Stelle der imponierenden Leistung aller an den Internet-Seiten der KMG und der Karl-May-Stiftung Beteiligten gebührend Lob und Dank zu zollen. Ohne ihren unermüdlichen Einsatz wären nicht nur die unbearbeiteten Texte Mays, sondern auch die umfangreiche Sekundärliteratur nicht oder nur unter Schwierigkeiten zugänglich.

3 So Werner Fleischer im Internetgästebuch der KMG vom 6. April 2001.

4 Arno Schmidt, »Sitara und der Weg dorthin«, BA III/2, S. 14.

5 Etwa in: »Die Liebe des Ulanen«, Bd. V, KMW II.13, S. 2537.

6 Wolfgang Hermesmeier in seinem Eintrag im Internetgästebuch der KMG vom 8. April 2001.


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