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Mittwoch, 1. Juli 1998, 15.03 Uhr

Früher war ja angeblich alles besser. Nur die Computer, die waren schlechter. Aber das war auch besser so.

Wenn ich heute einen Text schreiben will, dann klicke ich ein wenig mit der Maus herum, starte die Textverarbeitung und fange einfach an zu tippen. Vor gut 10 Jahren mußte ich dafür bei meinem C64 ein Kommando eingeben, das sich nicht nur so kryptisch las wie die Überschrift zu diesem Text, sondern auch ein entsprechend eigenwilliges Programm startete.

Heute nimmt es ein simpler Freeware-Texteditor locker mit der damaligen Profi-Software auf und moderne Hardware scheint nur noch den Namen nach mit dem C64 verwandt zu sein. Der einstige Star unter den Heimcomputern ist derart hoffnungslos unterlegen, daß schon allein der flüchtige Gedanke an einen Vergleich von PC und C64 grotesk deplaziert anmutet.

Diese Entwicklung ist, keine Frage, begrüßenswert: Noch nie waren derart leistungsfähige und komplexe Maschinen so einfach zu bedienen, noch nie war ein so extrem flexibles und in nahezu sämtlichen Lebensbereichen nutzbringendes Werkzeug wie der Computer so vielen Menschen so einfach zugänglich wie heute.

Sehr schön. Doch die Sache hat, Sie ahnen es, natürlich einen Haken. Der C64 war zwar ein reichlich sprödes Stück Computer, das seine verführerischen Reize nur dem offenbarte, der willlens war, sich intensiv mit dem Gerät zu beschäftigen. Aber genau das war seine große Stärke.

Er war der leistungsfähigste Heimcomputer seiner Zeit, aber unfertig, fehleranfällig und sperrig. Er war ein Gerät, dessen Bedienung erlernt werden mußte und das so konstruiert war, daß sich darüber kein Anwender jemals Illusionen gemacht hat.

Heute täuschen grafische Oberflächen, omnipräsente Hilfestellungen und, nicht zu vergessen, die Werbung eine Simplizität und Perfektion vor, die nicht nur im Reich des Digitalen nicht zu haben ist. Wer seinen PC heute beim Discounter kauft, der erwartet ein Stück Unterhaltungselektronik, das nicht komplizierter ist als der Videorecorder.

Ist es aber, und zwar ganz erheblich. Und nicht nur das: Wann ist Ihnen zum letzten mal Ihr Videorecorder abgestürzt? Oder Ihre Stereoanlage? Beim PC gehört der Systemabsturz zum Alltag. Außen GUI, innen pfui: Unter der schönen bunten Oberfläche lauert mehr als ein übles Schlagloch, das das gesamte System sehr nachhaltig ins Stolpern bringen kann.

Nun könnte man ja einfach darauf vertrauen, daß Erfahrung schließlich klug mache und auch der gutgläubigste PC-Käufer schon merken werde, was Werbung und was Realität ist. Wäre die fortschreitende Digitalisierung unserer Welt einfach nur das gesellschaftlich irrelevante Feierabendvergnügen einiger Technikfreaks, dann könnte man es sich in der Tat so einfach machen: Doch so einfach ist es leider nicht.

Die unaufhaltsame Medienkonvergenz im Zeichen des Internets wird unseren Alltag nachhaltiger verändern als jede andere technische Entwicklung zuvor. Es ist bereits jetzt absehbar, daß sich die Gesellschaft zu spalten droht in diejenigen, die wissen, was einen Computer im Innersten zusammenhält und denen, die diesen Maschinen und den durch sie etablierten Strukturen blindvertrauend ausgeliefert sind.

Die erschreckend inkompetente Berichterstattung im Umfeld des T-Online-Trojaners beleuchtete schlaglichtartig den desolaten Zustand der digitalen Aufklärung: Fast könnte man auf die Idee kommen, die Spaltung der Gesellschaft habe sich bereits vollzogen.

Was heute dringend notwendig ist, ist nicht nur das Thema Internet & Computer im Rahmen der Medienerziehung, es fehlt ein billiges und leistungsfähiges Gerät, an dem nicht nur Kinder lernen können, was diese Maschine prinzipiell kann und was nicht. Es ist höchste Zeit für ein Comeback des C64.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Juli 1998


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