Medienmurks im Internet

Samstag, 1. November 1997, 11.00 Uhr

Das Internet gilt als mediale Plattform der Zukunft. Aber warum merkt man davon nichts?

Seit die Medienmacher das Internet entdeckt haben, beglücken sie uns mit den Online-Versionen ihrer Produkte. Die sind zwar sehr unterschiedlich, mal mehr, meist weniger gut gelungen, haben aber eines gemeinsam: Sie kosten die Verlage Geld und bringen ersteinmal nichts ein.

Nun könnte man sich zwar überlegen, daß ein neues Medium neue Regeln hat, die man nur über ein entsprechendes finanzielles Investment und Risiko erlernen kann und daraus folgern, daß ein Verleger, der es wirklich ernst meint mit dem Internet, Zeit und Geld investieren muß, bevor er auch nur daran denken kann, seine Produktions-, geschweige denn Entwicklungskosten hereinzubekommen.

Leider hat man damit an der deutschen Realität vorbeigefolgert: Die deutsche Publikumspresse zeigt – wenn überhaupt – Risiko- und Investitionsbereitschaft nur beim klassischen Printprodukt. Hier werden ganz selbstverständlich zweistellige Millionenbeträge in die Entwicklung neuer Objekte gesteckt und auch schon mal – siehe Gruners Tango, das nach wenigen Ausgaben eingestellt wurde, siehe Bauers Ergo, das es erst gar nicht an die Kioske schaffte – sauber in den Sand gesetzt. Undenkbar, daß ein deutscher Großverlag für seinen Webauftritt einen auch nur annähernd vergleichbaren personellen und finanziellen Aufwand betriebe, wie er ihn ganz selbstverständlich für seine gedruckten Objekte betreibt.

Das Online-Engagement der Verlage scheint sich in Festtagsreden über die kommende Bedeutung der digitalen Medien zu erschöpfen. Wer bei den deutschen Medien im Netz nach Experimentierfreude, Neugier oder gar Einfallsreichtum Ausschau hält, wird sich auch nach langer Suche mit einem eher kümmerlichem Ergebnis bescheiden müssen. Statt mit spielerischer Innovationsbereitschaft das Netz als Publikationsort zu erkunden, kippen die deutschen Verleger ihre Inhalte ebenso ahnungs- wie lustlos ins Internet und verdonnern eine Handvoll meist hochmotivierter, engagierter und kenntnisreicher Redakteure dazu, den mangelhaften Not- als Dauerzustand zu verwalten. Von Ausdauer, langem Atem, Vertrauen in das neue Medium keine Spur. Statt dessen verlangt man, daß der halbherzige Netzauftritt möglichst zügig Geld bringt.

Doch da man so gut wie keine Möglichkeit hat, von den Besuchern der Webseite zu kassieren, müssen Werbeeinnahmen herhalten. Zu diesem Zweck hat man eine der verheerendsten Werbeformen erfunden, die selbst die schwersterträgliche Radiowerbung mühelos in den Schatten stellt: Die Werbebanner auf Webseiten. Dieser meist flickernd- flimmernde Dauerbeschuß ist nicht nur ausgesprochen nervtötend, er verdankt sich obendrein einer kapitalen Fehlkalkulation, die immer häufiger geradezu inzestuöse Auswirkungen zeigt. Da wirbt einer beim anderen, es wird eifrig hin und her verzweigt, man bewegt sich bannerklickend in einem Teufelskreis und der bei diesem unsinnigem Treiben stetig steigende Pageview-Counter gilt auch noch allen Ernstes als Erfolgsmesser. Oh sancta simplicitas!

Dabei ist diesem Treiben so schnell wohl kein Ende zu bereiten. Vielleicht dämmert ja eines Tage der werbetreibenden Wirtschaft, welch‘ ein windelweicher Unfug Werbebanner sind, wie unsinnig das Schielen auf Pageviews ist. Vielleicht bemerkt ja mal jemand, daß hier nur der hilflose Versuch unternommen wird, Offline-Werberegel Online anzuwenden. Doch bis sich das herumgesprochen hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Und bis dahin werden wir weiterhin Zeugen eines uninspirierten und einfallslosen Online-Publishings sein. Schade.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, November 1997