Mein erster Kindle

Samstag, 5. November 2011, 16.36 Uhr

Lange genug hat es ja gedauert, aber jetzt hat es mich auch erwischt: Ich habe mir einen Kindle gekauft. Bislang habe ich E-Books auf dem iPad gelesen. Das iPad hat zwar ein brillantes Display, Apples iBooks-App ist komfortabel und rundum gelungen – allein: das iPad ist einfach zu schwer, als dass man es dauerhaft als elektronisches Buch einsetzen könnte. Für die Lektüre abends auf der Couch oder im Bett mag das hingehen, für unterwegs ist das eher nichts. Das spiegelnde Display tut ein Übriges, um einem die Lust an der digitalen Lektüre zu verleiden. Da hilft es auch wenig, dass man mit dem iPad problemlos im Dunkeln lesen kann.

Der Kindle ist zwar weit davon entfernt, das perfekte Lesegerät zu sein – dazu geht Amazon mit dem Gerät einfach zu viele Kompromisse ein –, aber man kann auf ihm (auch unterwegs) hervorragend lesen: und das ist, so alles in allem, bei einem E-Book-Reader dann doch die Hauptsache.

Nachfolgend nun ein paar mehr oder weniger geordnete Notizen nach einer Woche Erfahrung mit dem Kindle.

Das Gerät

Mit 170 Gramm und den Maßen 16,6 cm x 11,4 cm liegt der Kindle ausgesprochen gut in der Hand und passt in jede Jackentasche. Der Ein-/Ausschalter ist am unteren Seitenrand in der Mitte angebracht und relativ klein, womit das Einschalten des Kindle eine etwas fummlige Angelegenheit wird. Am oberen Rand steht der Schriftzug „kindle“, was mich ein wenig nervt – ich weiß, was ich da in der Hand halte –, aber das kann man wohl getrost zu den persönlichen Idiosynkrasien zählen.

Das Gerät ist zwar aus Kunststoff, fasst sich aber gut an, die Verarbeitung der Tasten (geblättert wird mit Tastendruck) macht einen hinreichend soliden Eindruck, um auf eine lange Lesefreundschaft mit dem Gerät hoffen zu lassen.

Benutzeroberfläche

Mein größter Kritikpunkt am Kindle ist die Benutzerführung, die man wohl als mittlere Katastrophe bezeichnen muss. Neben den Tasten zum vor- und zurückblättern an den Seiten hat der Kindle fünf Tasten: Zurück, Tastatur, Menü, Startseite und das zentrale Cursorpad. Dabei handelt es sich um einen Vierwege-Schalter (rechts, links, rauf, runter, drücken), mit dem der Cursor gesteuert wird.

Möchte man etwa in einem Buch zum Inhaltsverzeichnis springen, muss man viermal drücken: (1) Menü, (2) Cursorpad, um den Punkt „Gehe zu“ auszuwählen, (3) Cursorpad einmal nach unten, um den Punkt „Inhaltsverzeichnis“ zu markieren, (4) Cursorpad, um das Inhaltsverzeichnis aufzurufen. Und das ist noch eine der einfachsten Übungen.

Wirklich lästig wird die Sache, sobald man Text eingeben möchte. Dazu blendet man zuerst die Tastatur über einen Druck auf die entsprechende Taste ein und steuert anschließend mit dem Cursorpad zum gewünschten Buchstaben, der mit einem Druck auf das Cursorpad ausgewählt wird. Buchstabe für Buchstabe, Zeichen für Zeichen. Lange Texte schreibt man damit garantiert nicht. Für die kurze Notiz „Erste Telefonkonferenz in der Literatur?“ (als Anmerkung zu einer Passage in Jules Vernes „Die 500 Millionen der Begum“) habe ich eine gefühlte Ewigkeit benötigt. – Wie ich diese Notiz jetzt vom Kindle auf den Computer bekomme, weiß ich (noch) nicht ;-).

Schön wäre es, könnte man die Sammlungen, in denen man seine Bücher auf dem Kindle sortiert, direkt am Computer anlegen und verwalten, auf dem Kindle geht das zwar, aber es ist doch eine etwas mühselige Aufgabe. Für Windows scheint es da Lösungen zu geben, für den Mac habe ich noch nichts gefunden.

Inhalte

Am einfachsten bekommt man Bücher auf den Kindle, wenn man direkt bei Amazon einkauft. Das geht zwar prinzipiell auf dem Kindle selbst (und auch gar nicht mal so schlecht), sollte man aber besser am Computer erledigen, das ist unvergleichlich viel bequemer.

Eigene Dateien kann man sich entweder per Mail schicken – jeder Kindle-Kunde bekommt eine „kindle.com“-Adresse – oder via USB auf das Gerät in das Verzeichnis „documents“ kopieren. Dazu wird keine besondere Software benötigt, der Kindle wird als externes Laufwerk erkannt. Dateien, die man sich per Mail geschickt hat, erscheinen nach etwa ein oder zwei Minuten wie von Geisterhand auf dem Kindle.

Der Haken: Der Kindle versteht leider kein ePub, sondern setzt auf Mobi. EPub-Dateien müssen also zuerst nach Mobi konvertiert werden, was man etwa mit dem zwar scheußlichen, aber funktionierenden und kostenlosen Programm Calibre erledigt. Calibre kann einem auch das Kopieren abnehmen und die Dateien direkt auf dem Kindle ablegen.

Kleiner Tipp am Rand: Autorennamen nach dem Muster „Vorname Nachname“ sortiert der Kindle blöderweise nach Vornamen. Doch das kann man ändern. Trägt man in Calibre Autoren nach dem Muster „Nachname, Vorname“ ein, zeigt der Kindle sie korrekt als „Vorname Nachname“, sortiert aber nach den Nachnamen.

PDFs kann der Kindle auch anzeigen, ob man die auf dem 6-Zoll-Display allerdings auch lesen kann, hängt davon ab, wie sie formatiert sind. Große Dokumente, die auf A4 ausgelegt sind, sind eine Qual, aber E-Books, die im Taschenbuchformat angelegt sind, lassen sich prima lesen.

Lesen

Alle Kompromisse und Hakligkeiten sind vergessen, wenn man den Kindle so einsetzt, wie er gedacht ist: als Lesecomputer. Das spiegelfreie Display stellt Text gestochen scharf dar, bietet ein angenehmes Kontrastverhältnis und kommt der Lektüre auf Papier sehr nah. Das gilt übrigens nicht für Softwaretastatur, die deutlich ausgefranste Buchstaben zeigt.

Kindle Tastatur

Text wird gestochen scharf dargestellt – was für die Tastatur seltsamerweise nicht gilt.

Beim Blättern wird der Bildschirm ganz kurz invertiert und neu aufgebaut, was so schnell geht, dass es bereits nach wenigen Seiten nicht weiter stört.

Die Tasten zum Blättern sind jeweils links und rechts und reagieren leider mitunter etwas sehr leicht. Da kann es schon mal passieren, dass man versehentlich blättert, wo man den Kindle doch nur zur Seite legen wollte.

Die Textdarstellung kann in Maßen beeinflusst werden. Es gibt acht verschiedene Größen, drei Schriftarten (Normal, Schmal, Sans Serif) und drei mögliche Zeilenabstände (Klein, Mittel, Groß). Außerdem kann man die Zahl der Wörter pro Zeile (Wenig, Mittel, Standard) und so die Seitenbreite festlegen.

Text wird generell nicht getrennt und als Blocksatz dargestellt. Das führt natürlich zu Löchern im Text, weshalb die Darstellung zum Flattersatz wechselt, wenn eine Zeile zu große Löcher aufweisen würde. Das funktioniert erstaunlich gut, lässt sich auch problemlos lesen, kommt aber an die Qualität eines guten Buchsatzes natürlich bei weitem nicht heran.

Blocksatz auf dem Kindle

Der Kindle arbeitet mit Blocksatz ohne Trennung, größere Löcher mitten im Text werden durch einen Wechsel zum Flattersatz halbwegs umgangen.

Fazit

Alles in allem bin ich vom neuen Kindle ziemlich begeistert. Das Gerät ist leicht und handlich genug, um es immer dabeizuhaben und bietet mit seinen rund 1,25 GB für meine Zwecke mehr als genug Platz.

Der optimale Reader wäre wohl eine Kombination aus Display, Gewicht und Format des Kindle mit der Benutzeroberfläche und Touchsteuerung von Apples iBooks. Vielleicht überrascht uns Apple ja eines Tages mit dem perfekten Reader. Doch bis es so weit ist, bleibt der Kindle für mich die erste Wahl.


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Hallo,
falls noch nicht bekannt, auf Mexxbooks.com gibt es reichlich Tipps zum Kindle.
Grüße,
Andreas.

Also mir ist mein iPad nicht zu schwer. Mittlerweile habe ich ein gutes Dutzend Bücher als iBook oder im Kindle-App. Ist eine sehr feine Sache, gerade für Unterwegs.

Nächste Woche erscheint die Kindle-Ausgabe von Alan Moores und Dave Gibbons „Watchmen“. Dann werde ich sehen, wie sich Graphic Novels auf dem Brettchen machen.

Eine wirklich informative und aufschlussreiche Produktkritik – Danke!

Heinrich schrieb am 1. Februar 2012, um 10.57 Uhr

Wegen der schlechten Bedienbarkeit des 99,- Euro Kindle habe ich die 60 Euro draufgelegt und den Kindle mit Tastatur gekauft. Damit kann man schon wesentlich besser Texte eingeben und navigieren. Außerdem kann man damit in Südfrankreich im Straßencafe problemlos und ohne zusätzliche Kosten die Süddeutsche Zeitung (oder eine roman von Poe)laden.
Grüße

Heinrich