Meine analoge Erfahrung

Donnerstag, 12. Mai 2005, 16.32 Uhr

Häufig ist es ja so, dass die Erinnerung frühere Erlebnisse verklärt. Mitunter kommt es aber auch vor, dass sie die Vergangenheit schlechter darstellt, als sie war. Das kann dann dazu führen, dass man bestimmte Dinge erst gar nicht oder nur sehr zögerlich in Angriff nimmt, weil man ja zu wissen glaubt, dass sie nicht funktionieren werden. Hat man ja alles schon mal gemacht.

So ging es mir zum Beispiel mit einem etwas älteren Notebook, dass seit einiger Zeit ungenutzt bei mir herum lag. Bis mich eine Bekannte fragte, ob ich ihr das Gerät nicht überlassen könne. Klar, konnte ich, aber ich sagte ihr gleich, dass Sie an dem Notebook keine rechte Freude haben würde, da es zu altersschwach sei.

Ich sollte mich täuschen.

Dass auf dem gut zwei Jahre altem Gerät Windows XP und die üblichen Office-Anwendungen in anständiger Geschwindigkeit laufen, stellte ich bald fest. Ebenso, dass die Bildschirmauflösung von 1024 x 768 Bildpunkten gar nicht so fimschig klein ist, wie ich es, verwöhnt durch mein TFT-Display mit 1280 x 1024 Pixeln, befürchtet hatte. Das Notebook ist zwar zu laut und zu schwer, als dass man es tatsächlich mit sich herum tragen möchte, aber als Computer für Standard-Applikationen, den man auch einfach mal aus dem Weg räumen kann, taugt es eigentlich immer noch.

Nachdem auf dem Gerät alles installiert war, was an Software benötigt wurde, blieb nur noch ein Problem: Wie bekomme ich das Gerät online? Denn in seiner neuen Arbeitsumgebung ist nur ein analoger Telefonanschluss in Reichweite. Hier meldeten sich allerlei ungute Erinnerungen an diverse Konfigurationskämpfe mit dem DFÜ-Netzwerk von Windows, denen ich möglichst aus dem Weg gehen wollte. Schließlich konnte das Notebook ohnehin nur über das interne 56K-Modem und eine analoge Verbindung online gehen, da lohnte sich ja der ganze Aufwand eigentlich nicht. Nachdem ich so die ungeliebte Aufgabe einige Tage mit verschiedenen Ausreden vor mir herschob, nahm ich mir vorgestern schließlich Zeit, um auch dieses Problem endlich zu lösen.

Zuerst suchte ich nach einem günstigen Call-by-Call-Provider und wurde dabei wieder an das Programm „Smartsurfer“ erinnert, das einen einfachen und schnellen Verbindungsaufbau zum jeweils günstigen Anbieter versprach. Ich kopierte die Installationsdatei auf meine USB-Speicherstick und von dort auf das Notebook. Ohne allzu große Erwartungen verkabelte ich das Gerät mit der Telefonsteckdose, installierte und startete Smartsurfer. Es geschah das, was ich am allerwenigsten erwartet hatte: Das Programm baute umstandslos eine Internetverbindung für unter einen Cent pro Minute auf. Die einkalkulierten zwei bis drei Stunden für die Installation schrumpften auf nicht mal 10 Minuten zusammen.

Das ließ mir genügend Zeit für eine ausgiebige analoge Tour durchs Internet. Hier erwartete mich schließlich die größte Überraschung: Weit davon entfernt, mühsam durchs Netz zu kriechen und einem quälend langsamen Seitenaufbau zuzuschauen, klappte eigentlich alles. Ich war sehr erstaunt, wie gut das World Wide Web mit einer vermeintlich antiquierten analogen Verbindung zu nutzen war.

Doch nicht nur das: die analog Surftour wurde zu einer Art Qualitätsmesser für Webseiten. Denn störende Wartezeiten bei Webseiten waren nur in Ausnahmen der analogen Verbindung geschuldet. In der Regeln hatten sie folgende Ursachen:

  • Überlastete Webserver bzw. nicht reagierende Anzeigenserver
  • Fehlerhafte und schlampig gestaltete Webseiten
  • Überladene Designs, bei denen die Informationen unter überflüssigem Schnickschnack begraben wurden.

Natürlich sollte man mit dem Notebook und der analogen Verbindung keine allzu umfangreichen Downloads starten, aber so, wie der Technikstand von vor ca. 2 Jahren problemlos hinreicht, um die Standard-Aufgaben im Büro mit Standard-Applikationen zu bewältigen, so genügt eine analoge 56K-Internet-Verbindung für E-Mail und Informationsrecherche im Netz.

Man könnte meine analoge Erfahrung auch so zusammenfassen: Je besser eine Webseite gestaltet ist, je wertvoller ihr Inhalt, desto einfacher und effizienter ist sie aufgebaut. Umgekehrt gilt: Je überladener eine Webseite ist, desto näher liegt der Verdacht, dass hier nur heiße Luft zu finden ist und von den fehlenden Inhalten mit überflüssigen Spielereien abgelenkt werden soll.