Melancholische Variation über Motive Karl Mays

Samstag, 26. Oktober 2013, 21.35 Uhr

Hörspiele sind eine ebenso reizvolle wie flüchtige Kunstform. Reizvoll deshalb, weil sie durch den Einsatz rein akustischer Mittel (Sprache, Geräusche, Musik, Sound-Effekte) im Kopf der Hörenden eine Welt erschaffen, die es nur im Hörspiel gibt. Flüchtig, weil diese Welt nur entsteht, wenn ein Hörspiel tatsächlich gehört wird – die bloße Lektüre eines Hörspieltextes kann den Eindruck, den ein Hörspiel hervorzurufen in der Lage ist, allenfalls erahnen lassen.

Flüchtig sind Hörspiele aber auch deshalb, weil zu ihrer Rezeption als genuine Rundfunkkunst eine gehörige Portion Zufall gehört. Anders als etwa die Buchlektüre oder ein Kinobesuch, die sich in der Regel problemlos wiederholen lassen, bekommt man ein Hörspiel oft nur durch schieren Zufall zu hören: Wer bei der Ausstrahlung nicht am Radio sitzt oder zufällig einen Mitschnitt in die Finger bekommt, bleibt nolens volens außen vor.

Das gilt insbesondere für die schon etwas länger zurückliegenden Hörspiele aus den 50er- und 60er-Jahren. Zwar lagern die Hörspiele in den Archiven der Rundfunkanstalten, doch solange sie nicht erneut ausgestrahlt werden, schweigen die Archive und die gelagerten Hörspiele bleiben ein unerhörter Schatz, zu dem sich nur eine Handvoll Spezialisten verirren. Nun wäre es zwar wünschenswert, dass die Anstalten die immerhin mit Gebühren finanzierten Hörspiele etwa über ihre Mediatheken im Internet verfügbar machten, doch das bleibt aus verschiedenen Gründen nur ein frommer Wunsch, der sich in absehbarer Zeit wohl kaum realisieren lässt. Bleiben die Veröffentlichung auf CD, zu denen die Rundfunkanstalten in den letzten Jahren erfreulicherweise gegriffen haben.

Die jüngste für May-Leser besonders interessante Veröffentlichung dieser Art ist ein Hörspiel, das zwar vielen dem Namen nach bekannt sein, das aber kaum jemand tatsächlich kennen dürfte: Man weiß, dass es existiert, gehört oder zumindest gelesen haben es die wenigsten: „Fährten in die Prärie. Eine Geschichte aus der untergehenden Welt Old Shatterhands und Winnetous“ von Günter Eich.

Eich schrieb das Stück im Alter von knapp 30 Jahren, die erste Produktion wurde am 11. Juli 1936 vom Reichssender Berlin ausgestrahlt, Paul Dahlke sprach Old Shatterhand, Fritz Genschow Winnetou. Zu Mays 25. Todestag strahlte man am 30. März 1937 eine Neufassung aus. Von beiden Ausstrahlungen gibt es leider keine Aufnahmen mehr. 1959 produzierte der NDR unter der Regie von Gustav Burmester das Hörspiel erneut und strahlte es am 1. April erstmals aus. Diesmal mit Will Quadflieg als Winnetou und Mac Eckard als Old Shatterhand, die die Hörspielhandlung umrahmenden Verse („Gedenke doch bisweilen / der Knabenphantasie …“) spricht der bekannte Märchensprecher Hans Paetsch.

Und diesmal haben die May-Liebhaber Glück, denn dieses Hörspiel ist erhalten geblieben. Lange Jahre kursierte es in der May-Szene vor allem als Gerücht. Sicher, der Text des Hörspiels lässt sich in Günter Eichs gesammelten Werken nachlesen – aber wer hatte schon die Zeit und die Mittel, dem Rundfunkarchiv des NDR einen Besuch abzustatten und sich das Hörspiel dort anzuhören? Das ist nun glücklicherweise nicht mehr nötig, denn nun hat es Eichs Hörspiel endlich auf eine CD geschafft, die sich problemlos jederzeit wiedergeben lässt.

Anders als bei den anderen Karl-May-Hörspielen ist Eichs Werk keine Bearbeitung eines bereits vorhandenen Textes, keine Nacherzählung einer bekannten Geschichte mit den Mitteln des Hörspiels, sondern ein genuines Hörspiel, ein Werk, das zwar „nach Motiven von Karl May“ gestaltet ist, aber keiner bekannten Geschichte folgt und von Anfang an als Hörspiel geplant war. So gibt es bei Eich etwa keinen Erzähler, der die Romanhandlung zwischen den Spielszenen überleitend referiert, sondern die gesamte Dramaturgie und Erzählstrategie wird sehr geschickt über akustische Mittel realisiert.

Es ist eine melancholische, ja bittere Geschichte, die Eich erzählt, an deren Ende Winnetou stirbt und Old Shatterhand sich als Kunstschütze verdingt. Auch wenn sich das Hörspiel explizit auf Karl May bezieht, sich beim May’schen Figurenkanon und typischen Motiven bedient – für den mit May vertrauten Hörer wird es doch befremdlich bleiben. Nicht nur, weil die Weißen immer wieder„Blass“- statt „Bleichgesichter“ genannt werden, sondern wohl vor allem, weil die Figur des Winnetou so gar nicht zu den Erwartungen passt, die man als May-Leser mit diesem Name verbindet.

Im Zentrum des Hörspiels steht der Bau einer Eisenbahnbrücke, gegen den sich die Apachen unter Führung Winnetous wehren. Gegen den schurkischen Ingenieur Shirwood und dessen finsteren Plänen hat Winnetou allerdings keine Chance. Anders als Old Shatterhand, der auf eine friedliche Lösung drängt, sieht Winnetou nur die Möglichkeit der gewaltsamen Gegenwehr und verkündet, dass alle Weißen die Feinde der Indianer seien – ein Urteil, in das er Shatterhand explizit einschließt. Die Handlung kulminiert in einer Katastrophe, bei der die Brücke gesprengt wird und Shirwood und Winnetou sterben. In der Rahmenhandlung, die fünf Jahre nach dem Kampf um die Brücke spielt, fährt Old Shatterhand über die „genau nach Shirwoods Plänen“ erneut gebauten Brücke.

Günter Eich war mit seinem Werk sehr unzufrieden und wer mit seinem Namen Texte wie „Maulwürfe“ oder das legendäre Hörspiel „Träume“ verbindet, wird wohl ein wenig verwundert sein. Doch das sollte einen nicht davon abhalten, die interessante Bekanntschaft mit diesem frühen Werk Günter Eichs zu machen. Es lohnt sich – für May- wie für Eich-Leser.

Fährten in die Prärie. Eine Geschichte aus der untergehenden Welt Old Shatterhands und Winnetous. Ein Hörspiel von Günter Eich nach Motiven von Karl May. Eine Produktion des Norddeutschen Rundfunks 1959. Pidax Film Media, 2013. 1 CD, 56 Minuten. Ca. 10 Euro.
Zuerst in: Karl May & co.