Microsofts größter Gegner

Donnerstag, 16. Juni 2005, 13.38 Uhr

Vor ein paar Tagen hat ein Kollege einen Computer per Post bekommen. Das ist nichts besondere, werden Sie sagen. Stimmt. Aber in diesem Fall war es schon etwas besonderes. Geliefert wurde nämlich ein über fünf Jahre alter Dell-PC aus den USA. Der Rechner stand bis vor kurzem in einem Rechenzentrum und diente meinem Kollegen dort als Webserver. Inzwischen ist die Maschine durch neuere Modelle an anderen Standorten abgelöst worden und mein Kollege hat sich seinen alten Server zur Erinnerung bei Vertragsauflösung von den USA nach Deutschland schicken lassen. Das Besondere an dieser Maschine: Auf ihr lief jahrelang völlig klag- und problemlos „Windows 2000 Server“ als Betriebssystem. Der Rechner wurde per Fernwartung von Deutschland aus gesteuert und hat in all den Jahren seines Einsatzes nicht einen nennenswerten Ausfall gehabt.

Der störungsfreie Betrieb der Maschine spricht zum einen natürlich für die Qualität der Dell-Server – viel mehr aber noch für die Qualität von Windows 2000. Denn im Gegensatz zu allen Gerüchten und üblichen Urteilen hat sich speziell diese Windows-Server-Version als so stabil und zuverlässig erwiesen, dass mein Kollege kaum einen Grund zur Klage fand und auch keinen, das System zu ändern. „Never change a running system“ sagte er, ändere niemals ein funktionierendes System! Wenn ein Netzwerkserver absturzsicher läuft und sich auch im Dauereinsatz als robust und unkaputtbar erwiesen hat, dann gibt es schlechterdings keinen Grund, das System zu wechseln.

Der Vollständigkeit halber sei noch angefügt, dass mit Windows 2000 auch wirklich nur Windows 2000 gemeint ist – nicht der Exchange-Server und ähnliche Interneterweiterungen, die Microsoft seinem System spendiert hat – die wurden von meinem Kollegen nämlich von Anfang an als potentielle Sicherheitslücken sofort entfernt und deaktiviert.

Dieser Dell-Server ist keine Ausnahme – im Gegenteil: Eine jüngst veröffentlichte Studie der amerikanischen Marktforscher Assetmetrix kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass Windows 2000 nach wie vor in Unternehmen sehr weit verbreitet ist.

  • Auf 48 Prozent aller Computern in Unternehmen läuft nach wie vor Windows 2000.
  • Je größer das Unternehmen, desto höher ist der Windows-2000-Anteil. Während in kleinen und mittelständischen Firmen mit weniger als 250 PCs Windows XP überwiegt, ist in großen Firmen bei weit über 50 Prozent der Computer Windows 2000 im Einsatz.
  • In einem Zeitraum von 18 Monaten (vierte Quartal 2003 bis erstes Quartal 2005) sank der Marktanteil von Windows 2000 um gerade mal vier Prozent.
  • Im gleichen Zeitraum fiel der Marktanteil von Windows 9.x und Windows NT auf unter fünf bzw. knapp 10 Prozent.

Fast sieht es aus aus, als habe Microsoft nur ein ernsthaftes Problem – seine eigenen Produkte. Windows 2000 erweist sich in der Praxis als außerordentlich zähes Betriebssystem, das keinen Anlass bietet, auf eine andere Version zu wechseln. Es sei vielleicht einfach zu gut, vermuten die Marktforscher.

Den IT-Verantwortlichen wird es so gehen wie meinem Kollegen: Es gibt schlechterdings keinen Grund, von Windows 2000 auf ein anderes Betriebssystem zu wechseln, weder auf Linux noch auf Windows 2003 Server. Hinzu kommt, dass ein Betriebssystemwechsel immer eine etwas haarige Angelegenheit ist. Bei wenigen eingesetzten Maschinen mag das noch eine recht überschaubare Sache sein – aber was machen Sie, wenn Sie für ein paar Hundert wenn nicht gar Tausend vernetzte Computer verantwortlich sind? Würden Sie wirklich, nur mal so aus Spaß, gewissermaßen, die Betriebssystem-Basis verändern? Wohl kaum.

Microsoft hilft denn auch etwas nach, um den Umstiegsdruck zu erhöhen. Vor kurzem wurde bekannt, dass die geplante Version 7.0 des Internet Explorers nicht auf Windows 2000 laufen werde. Und Ende diesen Monats endet der kostenlose Support von Windows 2000. Wer nach dem 30. Juni 2005 noch Microsoft-Support für das System haben möchte, der muss zahlen. Denn auch wenn das System auf Millionen von Computern weltweit noch quicklebendig und zuverlässig im Einsatz ist, beharrt Microsoft darauf, dass der Lebenszyklus von Windows 2000 vorbei sei.

Die Marktforscher vermuten, dass die Unternehmen jetzt ersteinmal auf Longhorn warten und die installierte Basis von Windows 2000 nur sehr langsam abnehmen werde.

Und wer weiß – vielleicht geht des den IT-Verantwortlichen dann ja auch so wie meinem Kollegen. Der nämlich hat den Wechsel der Hardware und des Standortes auch gleich für einen Systemwechsel genutzt. Derzeit migriert er seine Server auf ein neues Betriebssystem, das seinen mit den Jahren geänderten und gewachsenen Ansprüchen heute besser entspricht als Windows 2000. Und das ist nicht Windows 2003 Server, sondern: Unix.