Mist (10)

Donnerstag, 16. Juli 2015, 12.58 Uhr
„Computer, what is the mist I’m seeing?“
Dr. Beverly Crusher, Remember me

„Computer, was ist das für ein Mist, den ich da sehe?“
Dr. Beverly Crusher, Das Experiment

Im Amerikanischen gibt es die sprichwörtliche Formulierung „Dear John Letter“. Gemeint sind damit Briefe, in denen man dem Partner mitteilt, dass man jetzt mit jemand anderem zusammen und die frühere Beziehung mit „John“ beendet sei (wer etwas zur Herkunft dieser Formulierung lesen will, schlage in der Wikipedia nach). Wenn nun ein Film „Dear John“ (Lasse Hallström, 2010) heißt, dann hat man es im Deutschen schwer, diesen Titel einigermaßen genau zu übertragen. „Lieber John“ wäre zwar korrekt übersetzt, aber da fehlt natürlich die entscheidende Bedeutungsebene. Was macht man also? Man nimmt einen komplett anderen Titel. Aber muss das dann unbedingt „Das Leuchten in der Stille“ sein?

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Der besonders dämliche deutsche Titel verdankt sich aber wohl dem simplen Kalkül, dass man sein Zielpublikum nicht mit ungewohnten Formulierungen verschrecken soll. Der Film basiert nämlich auf dem Roman „Dear John“ von Nicholas Spark, der vom Verlag hierzulande welchen Titel bekommen hat? Genau: „Das Leuchten in der Stille“. Nicht dass da jemand auf die Idee kommt, die deutschen Verlage seien bei der Übersetzung von Titeln weniger einfallsreich als die Filmverleiher.

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Es gibt natürlich auch Ausnahmen: In der IMDB stolpere ich da gerade über die TV-Serie „Dear John“, die von 1988 bis 1992 lief. Und wie heißt die im Deutschen? Man glaubt es kaum: „Mein lieber John“. Geht doch.

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Übrigens zeigt ein kurzer Blick auf die Werkliste von Nicholas Sparks, dass hier der Wahnsinn scheint’s Methode hat.  Aus „True Believer“ wird da „Die Nähe des Himmels“, „The Wedding“ ist hierzulande „Ein Tag wie ein Leben“, „The Rescue“ hört auf „Das Schweigen des Glücks“. Und so weiter und so fort – kein Titel, wirklich kein einziger Titel, der auch nur annähernd korrekt übersetzt worden wäre.

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Sie stolpern wirklich bei den simplesten Aufgaben: „Übersetzen Sie bitte ‚The Verdict‘“ – „Das ist einfach: ‚Hier irrte Scotland Yard‘“. Je nun.

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Aber das war 1965, als Don Siegels Film von 1947 erstmals in Deutschland gezeigt wurde. 17 Jahre später haben sich die Übersetzermoden geändert, nun war es schick, den Originaltitel beizubehalten und ihm irgendeine dämliche deutsche Wendung anzuhängen. Und so durfte Sidney Lumets Film „The Verdict“ von 1982 natürlich auch nicht einfach „Das Urteil“ heißen, sondern musste als „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ in die Kinos kommen. Aber was heißt schon „deutsche Wendung“ – das mit der „Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ kennen wir doch auch nur aus synchronisierten Filmen und Serien, diese Floskel wird – man mag mich da berichtigen – vor deutschen Gerichten wohl eher nicht benutzt.

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Ach, btw: Sidney Lumet. Dessen Filmtitel haben die Synchronisation auch nicht immer heil überstanden. Aus seinen „12 Angry Men“ (1957) sind im deutschen Titel nur noch deutlich abgeklärte „Zwölf Geschworene“ geworden, der „Anderson Clan“, um den es da angeblich in einem Film geht, hat mit den originalen „The Anderson Tapes“ (1971) bis auf den Namen der Titelfigur rein gar nichts gemein, eine neutrale Verabredung („The Appointment“, 1969) bekommt im Deutschen einen „Hauch von Sinnlichkeit“, aus „The Deadly Affair“ (1966) wird ein „Anruf für einen Toten“, „Critical Care“ (1997) bekommt den gequält komischen Titel „Sterben und erben“ verpasst, die Todesfalle „Deathtrap“ (1982) mutiert zum „Mörderspiel“, und „A Stranger Among Us“ heißt im Deutschen „Sanfte Augen lügen nicht“. Naja. Und so weiter halt.

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Besonders eklig wird es, wenn die deutschen Titeltexter den Filmtitel so bearbeiten, dass er etwas völlig anderes ankündigt und geradezu im krassen Widerspruch zum Film steht. Wie es etwa, bleiben wir bei Lumet, beim Kriegsfilm „The Hill“ der Fall ist. Ich habe den Film vor einer kleinen Ewigkeit einmal gesehen und ihn als ziemlich brutal und ernüchternd in Erinnerung. Und ich scheine mich da nicht zu täuschen:

Ein ebenso erschütternder wie auch hart zupackender, aufrüttelnder Film, der unmenschlichen Sadismus und sturen Militarismus anprangert. Inszenatorisch und darstellerisch hervorragend, mit gelegentlich etwas arg reißerischen Zügen, ohne daß dadurch die grundsätzliche Problematik um Autorität und Gehorsam an Eindringlichkeit und Konsequenz einbüßen würde.

Und wie heißt dieser Film im Deutschen? Nein, natürlich nicht einfach „Der Hügel“ – sondern: „Ein Haufen toller Hunde“. Und das klingt natürlich eher nach Klamotte, Komik und derbe Späße. Wenn The Hill allerdings eines garantiert nicht ist, dann: lustig.


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