Mist (7): Ein kleines Hitchcock-Special

Sonntag, 13. Januar 2013, 18.09 Uhr

Die letzte Mist-Folge stammt vom Oktober 2010. Höchste Zeit, die Reihe mit Notizen zum spezifischen Elend deutscher Verleihtitel ausländischer Filme fortzusetzen. Den Anfang macht ein kleines Special zu Alfred Hitchcock. „Stage Fright“ / „Die rote Lola“ wurde bereits in Mist (2) gewürdigt, aber das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs aus Dämlichkeiten.

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Die Filme vom Meister der Suspense haben hierzulande mitunter ein schweres Schicksal. Nehmen wir etwa Notorious (1946), in dem Cary Grant Nazis in Südamerika jagt. Dergleichen wollte man dem deutschen Publikum natürlich nicht zumuten, also wurde der Film nicht einfach nur geschnitten, sondern ummontiert und de facto umgeschrieben (was zu besonders grotesken Verzerrungen führte). Aus den Nazi wurden Rauschgiftschmuggler und der Filmtitel wurde entsprechend angepasst – der Film kam als „Weißes Gift“ in die Kinos. Erst 1969 sorgte das ZDF dafür, dass der Film komplett neu synchronisiert und endlich als „Berüchtigt“ ausgestrahlt wurde – da schimpfe mal noch einer über das öffentlich-rechtliche Fernsehen!

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Auch dem Foreign Correspondent (1940) ging es ähnlich. Er kam zuerst 1961 in die Kinos – von 115 auf 98 Minuten geschnitten, verfälscht und unter dem albernen Titel „Mord“. Auch hier erwies sich das Fernsehen als Ehrenretter: 1986 strahlte das ZDF den Film ungeschnitten und unter dem korrekten Titel „Der Auslandskorrespondent“ aus. D. h. – korrekt wäre wohl „Auslandskorrespondent“ gewesen, ohne Artikel. Aber das sind wir mal nicht so.

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Stichwort „Mord“: Was den deutschen Titel des Foreign Correspondent so verwirrend macht – es gibt einen Film von Hitchcock, bei dem diese Übersetzung fast richtig gewesen wäre: Murder! von 1930. Auch dieser Film war nicht ohne Übersetzerunfall zu sehen, nämlich als „Mord – Sir John greift ein“. Übrigens erst 1985 und als TV-Ausstrahlung. Was das Lob des öffentlich-rechtlichen Fernsehens doch wieder ein wenig einschränkt.

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Etwas mehr Glück hatte da Saboteur aus dem Jahr 1942. Hier gab sich die Synchronisation erstaunlich zurückhaltend, konnte auf Duftmarkierungen aber nicht ganz verzichten. Aus dem einzelnen Saboteur wurden hierzulande gleich mehrere „Saboteure“.

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Überhaupt scheinen die deutschen Titeltexter Singular und Plural zu verwirren. Aus den Strangers on a train (1951) wurde hierzulande „Der Fremde im Zug“. Ärgerlich, aber immer noch ein Glücksfall. Denn ursprünglich kam der Film unter dem vollends bescheuerten Titel „Verschwörung im Nordexpress“ in die deutschen Kinos.

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Mit sehr kurzen Titeln scheint man hierzulande auch so seine Schwierigkeiten zu haben. Vielleicht gelten sie den deutschen Titeltextern als zu nichtssagend, als dass man sie dem deutschen Publikum zumuten möchte, dem man ja immer schön vorkauen muss, worum es in einem Film überhaupt geht. Und so kam Spellbound (1940) mit dem schwülstigen Titel „Ich kämpfe um Dich“ in die Kinos, aus dem schlichten Rope (1948) wurde ein „Cocktail für eine Leiche“, Vertigo musste partout „Aus dem Reich der Toten“ heißen und I confess (1953) kam zwar hierzuland durchaus auch als „Ich beichte“, aber auch als „Ich gestehe“ und gar als „Zum Schweigen verurteilt“ heraus.

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Warum Rich and strange (1931) hierzulande als „Endlich sind wir reich“ firmiert, bleibt wohl auf immer das Geheimnis des deutschen Verleihs. Was vielleicht auch gut ist. Immerhin, die Amerikaner mochten den Titel auch nicht und griffen lieber zu „East of Shanghai“. Je nun.

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Wer sich immer schon gefragt hat, wer eigentlich „Der unsichtbare Dritte“ sein soll – vermutlich der erfundene „George Kaplan“, aber das ist doch allenfalls ein unsichtbarer Zweiter –, kann beruhigt sein. Von einem unsichtbaren Dritten weiß der Titel im Original nämlich nichts, dort heißt er schlicht North by Northwest (1959), was sich ungefähr mit „Nord-Nordwest“ übersetzen lässt (auch wenn es sich hier nicht um eine korrekte Kompassrichtung handelt, die heißen „Northwest by North“ bzw. „North-Northwest“). Ok, das ist vielleicht ein wenig irritierend – aber das gilt für den Originaltitel auch. Generell meint der Titel wohl die ungefähre Himmelsrichtung, in die sich die Handlung verlagert. Zum Mount Rushmore fliegt man gegen Ende dann natürlich mit Northwest Airlines. Wenn ich das in der IMDB übrigens richtig sehe, haben sich auch andere Länder mit diesem eher abstrakten Titel schwer getan. Eine kleine Auswahl: „Im Schatten der riesigen Vier“ (Griechenland), „Internationale Intrige“ (Italien), „In der letzten Minute“ (Schweden) oder „Mit dem Tod auf den Fersen“ (Spanien) oder schlicht „Fahndung“ (Dänemerk).


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Ein Kommentar zu „Mist (7): Ein kleines Hitchcock-Special“

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