Mit gespaltener Zunge

Dienstag, 12. April 2011, 20.46 Uhr

Woran denken Sie, wenn Sie einen Satz wie „Das Bleichgesicht redet mit gespaltener Zunge!“ lesen? An Winnetou und Karl May? Genau. Ich auch. Also jedenfalls bis vor kurzem.

Bislang ging ich davon aus, dass diese Formulierung bestimmt mehrfach bei May auftaucht. Überprüft habe ich das nie, warum auch, das schien mir selbstverständlich und ich hätte sofort darauf gewettet, dass ich das bei May gelesen habe. So kann man sich täuschen.

Vor einiger Zeit stolperte ich im Forum von Karl May & Co über die eher beiläufige Feststellung, dieses Gerede von der „gespaltenen Zunge“, mit dem einen die Karl-May-Inszenierung in Dasing beglücke, stünde überhaupt nicht bei Karl May:

Ich habe mal auf der Werke-CD nachgeschaut […]. Der Begriff kommt nirgends vor, weder „gespaltener Zunge“ noch „gespaltene Zunge“. Sogar das Wort „gespaltener“ alleine kommt nicht vor […]. Dann habe ich mal nach „spricht mit“ gesucht und mit dieser Kombination nur eine Stelle gefunden […].

In der Tat, der Forumsteilnehmer hat lediglich eine Stelle übersehen, die die Sache aber auch nicht besser macht. Es gibt zwei Stellen, wo „spricht mit“ und „Zunge“ zusammen auftauchen:

Uff! Old Shatterhand spricht mit einer sehr verwegenen Zunge, aber es ist so, wie er sagt.

(„Weihnacht!“)

Mein Bruder spricht mit der Zunge der Schlange.

(Der Ölprinz)

Das „Ölprinz“-Zitat ist die einzige Textstelle bei May, die zumindest die „gespaltene Zunge“ ahnen lässt. Mehr findet sich da nicht.

Doch wenn nicht von May – von wem stammt diese Redewendung dann? Röhrichs „Lexikon der umgangssprachlichen Redensarten“ bringt zwar gleich als ersten Eintrag zum Stichwort „Zunge“ eine Erläuterung der Redensart – aber woher sie stammt, wird einem auch da nicht verraten. Immerhin brachte mich Röhrich auf das verwandte Stichwort „doppelzüngig“, und dessen Gebrauch ist schon sehr früh nachweisbar:

Die Wendung Doppelzüngig sein ist eine Übersetzung von „bilinguis“, das in der klassischen lateinischen Literatur oft begegnet und sich auf die gespaltene Zunge der Schlange bezieht.

Das klärt die Frage nach der Herkunft der Reden mit gespaltener Zunge zwar auch nicht wirklich, ist aber besser als nichts. „Doppelzüngig“ taucht bei May übrigens, so weit ich sehe, wohl nur einmal in „Deutsche Herzen, deutsche Helden“ auf:

Diese letzteren Worte waren doppelzüngig gesprochen, was aber gar nicht beachtet wurde.

Eine Suche nach „gespaltener Zunge“ in der Digitalen Bibliothek bzw. bei Zeno.org blieb auch ergebnislos – die Wendung „gespaltener Zunge“ taucht ein einziges Mal auf, nämlich in Sophie Wörishöffers Roman „Robert der Schiffsjunge“ (1877):

Der Jäger sah ihm fest ins Auge. »Redest du mit gespaltener Zunge?« fragte er in leise mahnendem Ton.

Eine Suche nach „gespaltene Zunge“ war auch nicht so richtig ergiebig. Hier warf die Suche ganze drei Treffer aus, von denen nur zwei im gesuchten Sinn waren (die dritte Stelle steht bei Jean Paul, der sie wörtlich meint).

Der erste Treffer findet sich im Roman „Am Bosporus“ (1855–1857) von Sir John Retcliffe (= Herrmann Goedsche):

Die Inglis und Franken sind Leute, welche die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges tragen und eine gespaltene Zunge haben.

In Balduin Mölhausens „Die Mandanenwaise“ (1865) steht die zweite Fundstelle:

Du hast eine gespaltene Zunge, Du bist ein Lügner, der verdient, mit der Peitsche eines Weißen gegeißelt zu werden.

Das war’s.

Füttert man Google Ngram Viewer mit der Redewendung, macht man eine weitere verblüffende Entdeckung. Die Redewendung „mit gespaltener Zunge sprechen“ ist zwar früh nachweisbar, aber nicht allzu häufig anzutreffen. Es gibt einen deutlichen Peak um 1810, dann dümpelt sie vor sich hin und nimmt eigentlich erst ab 1960 wieder etwas Fahrt auf:

Ich habe dann noch einen (flüchtigen) Blick auf die Treffer zwischen 1800 und 1820 geworfen, um festzustellen, dass es sich hierbei fast ausschließlich um Lexika und Fachliteratur handelt, bei denen die Formulierung wörtlich gemeint ist. Für den übertragenen Sinn scheint es nur eine Fundstelle zu geben (G. Merkel: „Briefe an ein Frauenzimmer über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur“, 1801):

In der Literatur ist diese scheinbar so geläufige Redewendung also praktisch nicht nachweisbar, woher sie stammt, ist mir vorerst unklar. Vielleicht hatte sie ihre Blütezeit in Texten des 17./18. Jahrhunderts, die von Google nicht erfasst sind. Aber selbst wenn das so sein sollte, hat sie keine sonderlichen Spuren hinterlassen.

Eines ist jedenfalls sicher: Von Karl May stammt die Redewendung definitiv nicht.


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Allem Anschein nach stammt die bleibete Wendung aus der deutschsprachigen Übersetzung von James Fenimore Coopers „Lederstrumpf-Erzählungen“: „Das Bleichgesicht hat einen guten Namen. Falkenauge ist kein Weib; warum lebt er mit den Delaware? … „Gut; Falkenauge hat keine gespaltene Zunge, er sagt, was er denkt. Er kennt die Moschusratte und hat in ihrem Wigwam gelebt …“

Schöne Anekdote und vor allem sehr interessant dargestellt.

Ja, die Wendung der „gespaltenen Zunge“ stammt von James Fenimore Coopers „Leatherstocking Tales“. Siehe allein sechs Belege für „forked tongue“: http://www.amazon.com/James-Fenimore-Cooper-Leatherstocking-Pioneers/dp/0940450208/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1302692208&sr=8-1#reader_0940450208

„bleibete Wendung“ meint selbstredend „beliebte Wendung“ 🙂 Hugh bzw. Howgh.

Noch ein ergänzender Nachtrag aus der englischsprachigen Wikipedia: „Forked tongue“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Forked_tongue):

„The phrase ’speaks with a forked tongue‘ means to say one thing and mean another or, to be hypocritical, or act in a duplicitous manner. In the longstanding tradition of many Native American tribes, ’speaking with a forked tongue‘ has meant lying, and a person was no longer considered worthy of trust, once he had been shown to ’speak with a forked tongue‘. This phrase was also adopted by Americans around the time of the Revolution, and may be found in abundant references from the early 19th century — often reporting on American officers who sought to convince the tribal leaders with whom they negotiated that they ’spoke with a straight and not with a forked tongue‘ (as for example, President Andrew Jackson told the Creek Nation in 1829) According to one 1859 account, the native proverb that the ‚white man spoke with a forked tongue‘ originated as a result of the French tactic of the 1690s, in their war with the Iroquois, of inviting their enemies to attend a Peace Conference, only to be slaughtered or captured.“

Ah, auf die Idee, dass das aus dem Englischen ins Deutsche gekommen sein könnte, bin ich gar nicht gekommen 😎

Inter oves locum praesta schrieb am 20. April 2011, um 7.41 Uhr

„Doppelte Zunge“ kommt vor, aber auch nur dreimal (Oelprinz, Der schwarze Mustang, Winnetou III).
Es wäre interessant, die bearbeiteten KMG-Ausgaben zu untersuchen. Vielleicht kommt die „bekannte Redewendung“ von der gespaltenen Zunge aus dem Hause Schmid.

Au, bei solchen Hobbyistennotizen (und damit meine ich auch die bisherigen Kommentare) bekommt man ja Zahnweh. Vielleicht sollte man einfach mal mehr als 10 Minuten investieren, Leute?!

Sehr interessant! Ich liebe es mich mit Redensarten auseinander zu setzen!
LG aus der Rhetorik