Mit glasigem Dollarblick

Montag, 18. Januar 1999, 0.03 Uhr

Wenn sich Werber, Marketer und andere, denen die wahre Welt zur Warenwelt geworden ist, mit dem Internet beschäftigen, weiß man nie so recht, was dabei herauskommt. Aber was rechtes ist es nie.

Eigentlich müßten sie sich prima verstehen, das Internet und die Marketingexperten. Führen sie nicht so gern wie sonst niemand das Wort »Kommunikation« im Munde? Und ist das Internet nicht ein ganz vorzügliches Kommunikationswerkzeug? Na also.

So müßte es sein, aber ach, es ist nicht so. Denn wenn unsereins »Kommunikation« sagt und »Gespräch & Verständigung« meint, versteht ein waschechter Marketer immer nur »Verkaufsgespräch« und »Verständigung über den Warenpreis«.

Diese eigentümliche Sprach- und Wahrnehmungsstörung könnte als skurriles Phänomen einer sektiererischen Privatsprache durchgehen, blieben die Marketer damit unter sich. Bleiben sie aber nicht. Zwar zelebriert die Branche nichts inbrünstiger als gegenseitige, interne Lobreisungen. Doch das Wissen, was für ein ausgemacht kreativer Haufen man doch ist und die Überzeugung, Welt und Leben spielend im Griff zu haben, ist unbefriedigend, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Also bricht sich allenthalben die wunderliche Welt der Werbung Bahn und das von Haus aus euphorische Marketingbewußtsein der eigenen Großartigkeit schickt sich an, die Welt jenseits der Plakate, Werbeunterbrechungen und Anzeigenbanner, wo nicht zu erobern, so wenigstens zu dauerhaft zu besetzen. Das führt dann im harmlosen Fällen zu Mißverständnissen.

Reemtsma bekommt Deutschen Kommunikationspreis las ich da etwa jüngst und glaubte schon, dem verdienstvollem Hamburger Philologen Jan Philipp Reemtsma würde eine längst fällige wissenschaftliche Ehrung zuteil. Bis sich herausstellte, daß nur der gleichnamige Tabakhändler von einem sich selbst so nennenden »Deutschen Kommunikationsverband« für seinen

konsequenten Kampf gegen die Brüsseler Tabakwerbeverbote und seine kommunikative Arbeit in den Märkten Osteuropas

ausgezeichnet wurde und man jetzt also auch dort, wenn schon nichts zu lachen, doch immerhin zu rauchen hat.

Nun sind dergleichen Erfahrungen zwar irritierend, aber harmlos. Mitunter wachsen sich diese Mißverständnisse allerdings zu regelrechten Kommunikationskatastrophen aus. Etwa dann, wenn der DMMV in beträchtlicher Naivität der E-Mail-Werbung das Wort redet, dieses Krebsgeschwür des Internets mit arglosen Hinweisen auf das legitime Interesse der Anbieter verteidigt und gar in kämpferischer Laune die werbliche Nötigung zur Freiheit der kommerziellen Kommunikation erklärt. Denn das sehen die frei kommunizierenden Netizens bekanntlich deutlich anders und die kommerziellen Kommunikationsexperten verstehen baß erstaunt die Welt nicht mehr, mit der sie da unversehens kollidierten.

Vollends kollabiert das werbende Warenbewußtsein, wenn es mit seinem neuesten Lieblingswort spielen darf: Community. Da fruchtet es nichts, wenn man sich redlich müht und ihnen geduldig erklärt, um was für einen Unfug es sich bei dieser Kopfgeburt der Marktforscher doch handelt. Sie begreifen es nicht und fabulieren fröhlich aufgeregt nur noch von Community, Gemeinschaft und dem jetzt aber ganz bestimmt zu erwartenden Reibach.

Howard Rheingold dachte sich noch einiges dabei, als er den folgenschweren Begriff der Virtual Community prägte. Aber wen kümmert das schon. Der Werbefachprofi übersetzt sich das flugs als »verkaufsfördernde Umgebung im Internet«, bekommt beim Schlag- und Stichwort »One-to-One-Marketing« den glasigen Dollarblick und feiert ausgerechnet Anbieter von kostenlosem Webspace oder Mailaccounts wie Geocities, Tripod oder GMX als Musterbeispiele für lebendige Communities. Dabei bilden sie doch bestenfalls eine Gemeinschaft der Abgreifer, deren kleinster Nenner und gemeinsames Interesse auf die Frage zusammenschnurrt, wo es im Netz etwas umsonst gibt.

Wer glaubt, dergleichen Wirrsinn sei nicht mehr zu steigern, der lasse sich eines besseren belehren. Denn siehe, die neue Welt ist da, Cycosmos ihr Name, E-Cyas der Erlöser und Bernd Kolb ihr Prophet. Und wie bei allen zünftigen Prophezeihungen rumpeln und rempeln auch hier die Begriffe heftigst durcheinander, daß einem, von alle dem so dumm wird, als ging’ mir ein Mühlrad im Kopf herum.

Die Bytehalde im Web namens Cycosmos ist, glaubt man ihrem Erfinder Bernd Kolb,

eine Art soziales Computer-Betriebssystem, eine Kommunikationsplattform, auf der man sich in einer neuen, selbstkreierten sozialen Rolle bewegen kann.

Kolb verbreitet diesen blühenden Blödsinn bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einer Inbrunst, daß einem angst und bange werden kann. Besonders überzeugt ist er von seiner Erfindung »E-Cyas«, einer pixligen Lachnummer und Kyoko-Date-Clone. Der nämlich ist, so beteuert Kolb,

die erste wirkliche virtuelle Persönlichkeit, die im Cycosmos kommuniziert und als Agent virtuelle Freundschaftsdienste erfüllt, die von menschlichen Freunden nur schwerlich nachzuahmen wären.

Virtuelle Freundschaftsdienste: Honi soit, qui mal y pense.

So klingt die frohe Botschaft des Marketings für alle 120 Millionen Internet-Nutzer weltweit. Greift nur hinein ins volle Cyberleben, und wo ihr’s packt, ist es zum schrei’n:

Die virtuelle Persönlichkeit ist ein Botschafter aus dem Parallel-Universum, das wir auch als Cyberspace bezeichnen.

Satz für Satz waltet der Wahnsinn, mählich mahlt der Hirnschwurbel:

Sich selbst neu zu erfinden, ein neues, virtuelles Leben zu beginnen und sich digital mit anderen virtuellen Existenzen zu vernetzen, das ist seine Botschaft.

Der Kabarettist Michael Mittermeier schloß von einer Welt, in der es lila Kühe gibt, auf den regelmäßigen Drogenkonsum ihres Schöpfers. Das klingt plausibel und man fragt sich, was wohl Bernd Kolb so einwirft, bevor er Sätze wie diesen formuliert:

Wir erleben das Sammeln aller Informationen der Menschheit, die diese in ein digitales Netz einspeisen – im nächsten Schritt wird es nun intelligente Anwendungen geben, diese Informationen bedarfsorientiert miteinander zu verbinden – der nächste Evolutionsschritt, den E-Cyas anmoderiert.

Sollte ein harmloser Joint solche Auswirkungen haben, müßte ich meine Position zu Marihuana noch einmal ernsthaft überdenken.

Aber vielleicht ist Kolb auch nur berauscht von seiner fulminaten Unkenntnis, die sich in tragischer Verkennung der Lage für besonders gewitzte Auskennerschaft hält:

Nahezu alle Information, ob historisch oder zeitgenössisch, wurde in den letzten Jahren aus ihrem verstaubten, analogen Dasein geholt und digitalisiert, um dann in Form von Websites Teil des großen Daten-Netzes, des World Wide Web zu werden.

Da kann man nur hoffen, daß er nie auf die Idee kommt, eine auch nur mittelgroße Buchsammlung wie etwa die Bayerische Staatsbibliothek mit ihren rund sieben Millionen Bänden und mehr als 200 Regalkilometern zu besuchen. Sonst würde ihm am Ende noch die Erkenntnis, wie unendlich armselig seine Vorstellung vom Umfang der Information der Welt ist, in depressive Selbstzweifel stürzen. Nur gut, daß zum Bibliotheksbesuch keine Zeit bleibt, es warten große Aufgaben:

Der Cycosmos ist aber erst dann fertiggestellt, wenn alle Informationen, das gesammelte Wissen der Menschheit, im interaktiven Zugriff der Nutzer ist.

Dergleichen kann in einer Gesellschaft, die pubertären Eskapismus mit Visionen verwechselt (und diese mit sinnvollem Handeln) nicht folgenlos bleiben. Und richtig, die »Arbeitsgemeinschaft der Selbständigen in der SPD« kürte Bernd Kolb zum »Unternehmer des Jahres 1998«. Schließlich zeichnen ihn, so die Arbeitsgemeinschaft

angewandte Kreativität, hohe Innovationskraft und visionäres, unternehmerisches Denken

aus. Stimmt. So kann man das natürlich auch nennen.

Zuerst bei: Spiegel Online, 3 / 1999


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