My PC is my castle

Samstag, 4. Dezember 1999, 0.32 Uhr

Glaubt man den Wahrsagern und Auguren, stehen uns große Umwälzungen bevor. Wo sich bisher fette Programme um karge PC-Ressourcen balgen, sollen in Zukunft schlanke Funktionen gezielt aus dem Internet bezogen werden: Serienbrief – 10 Millicent, Tabellenfunktion – 5 Millicent, Datei konvertieren – 3 Millicent. So, oder so ähnlich, sieht der moderne Computeralltag aus. Einen Vorgeschmack verspricht Netzwerkspezialist Sun mit dem geplanten »Star Portal«. Das modulare Konzept klingt zwar nach einem sinnvollem Ausweg aus der Hardware-Rüstungsspirale, doch was Sun & Co. als Befreiung vom Diktat des einen Softwareherstellers aus Redmond anpreisen, sieht der Diktatur der Mainframes aus der Computersteinzeit verblüffend ähnlich. Damals liefen Programme ausschließlich auf allmächtigen Servern, an dem die »dumb terminals« mit der Netzwerknabelschnur hingen, ohne die sie nichts waren als ein Haufen Blech. Erst der »Personal Computer« brachte die Befreiung vom Gängelband der Großrechner. Es ist gerade diese demokratische Unabhängigkeit, die PCs so ungemein erfolgreich werden ließen. Warum also sollte jemand diese Unabhängigkeit freiwillig wieder aufgeben? Selbst wenn mir Sun garantieren könnte, daß alle Internetserver immer und überall erreichbar sind und Übertragungsprobleme samt Datenausfall der Vergangenheit angehören – es gilt die Maxime: My PC is my castle.

Zuerst erschienen in: Online Today, Dezember 1999


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: