Nach vorne stolpern

Mittwoch, 3. Mai 2000, 17.27 Uhr

Alles begann, wie sollte es anders sein, mit einem Systemabsturz. Im Oktober 1969 saß Charley Kline an einem Computerterminal in Los Angeles und telefonierte mit einem Kollegen im rund 520 Kilometer entfernten Stanforder Forschungszentrum. Dort stand ein Computer Modell 940, und zu ihm wollte Kline erstmals Kontakt aufnehmen. Er tippte ein „L“ und der Mann am Telefon bestätigte den korrekten Empfang eines „L“.

Kline tippte ein „O“, er tippte ein „G“ – und der Computer in Stanford stürzte kommentarlos ab, bevor Kline das Zauberwort jeder Netzwerkanmeldung – „LOGIN“ – vollständig eingeben konnte. Ein paar Stunden später war der digitale Schluckauf behoben, der Versuch wurde wiederholt – und diesmal ging nichts schief: Zwischen Stanford und Los Angeles lief das erste funktionsfähige Wide-Area-Network (WAN).

So begann das Internet – und ein symbolischerer Beginn als dieser holprige Auftakt lässt sich schwerlich finden. Bis heute verlaufen Entwicklungen im Netz nicht geradlinig. Im Zickzackkurs zwischen Versuch und Irrtum treibt das Netz immer wieder wilde Wucherungen aus, die kurz darauf in sich zusammenfallen oder in unvorhergesehene Richtungen weitermarschieren. Bis heute gehört das stolpernde Vorwärtsschreiten zum Alltag, ist der Systemabsturz die Regel und ein reibungsloser Ablauf nur in der Theorie zu haben. Und wenn es mal so scheinen sollte, als habe man endlich festen Boden unter den Füßen, dann erschüttert der nächste Hackerangriff die trügerische Sicherheit und macht klar, dass der Baugrund im Netz mitunter ganz schön sandig sein kann.

Auch das World Wide Web, dessen Entwicklung 1989/1990 das Internet aus seinem Dornröschenschlaf weckte, war anders geplant, als es heute erscheint. Als Tim Berners-Lee vor rund zehn Jahren erstmals „Internet und Hypertext verheiratete“, da hatte er die Vision eines Informationsuniversums, in dem alles mit allem verbunden war und in dem es „ebenso leicht sein sollte, sein eigenes Wissen und seine Ideen mitzuteilen wie von den Informationen und Gedanken anderer zu erfahren“. Ein Webbrowser sollte Informationen nicht nur anzeigen, sondern gleichzeitig auch ein einfach zu bedienendes Publikationswerkzeug sein. Das WWW als weiteres Medium für passive Konsumenten war so ziemlich das Letzte, was Berners-Lee vorschwebte.

Vielleicht tröstet es, dass Berners-Lee nun seinerseits eine Technologie ein wenig anders nutzt, als sich ihr Erfinder das so gedacht hatte: Für Ted Nelson, der das Wort „Hypertext“ 1965 prägte, gehörte zu Hypertext nicht nur die Verknüpfung von Dokumenten, sondern auch die Integration eines Abrechnungssystems, das die Honorierung der verlinkten Autoren sicherstellen sollte. Heute sorgt Hypertext mit unschöner Regelmäßigkeit für Urheberrechtsprozesse. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Erfinder des Web zuerst jahrelang Überzeugungsarbeit leisten mussten, um schließlich vom atemberaubendem Tempo der Entwicklung selbst überrumpelt zu werden. Die Pioniere gründeten Ende 1994 das W3-Konsortiums, das Standards und Spielregen festlegen, „den Anwendungen immer einen Schritt vorausbleiben“ und Referenzsoftware bereitstellen sollte. Zwar spielt das W3C auch heute noch eine wichtige Rolle, doch hält sich die Entwicklung des WWW nur bedingt an die Empfehlungen des Konsortiums. Wap entstand unabhängig vom W3C, und der Referenzbrowser „Amaya“ dürfte der Browser sein, der die wenigsten real existierenden Web-Seiten anzeigt.

Kein Referenzbrowser, sondern eine proprietäre Entwicklung brachte das Internet auf den Weg zum Massenmedium. Die selbst Internet-Veteranen völlig überraschende explosionsartige Verbreitung des WWW setzte 1993 ein, als Marc Andreessen zusammen mit ein paar Kollegen am NSCA den Browser „Mosaic“ herausbrachte, der sich innerhalb kürzester Frist als Everybodys Darling erwies, das WWW im Sturm eroberte und kurz darauf als Weiterentwicklung „Netscape Navigator“ alle anderen Browser zur Randnotiz der frühen Web-Geschichte schrumpfen ließ.

Dabei entspricht der Navigator zwar nun ganz und gar nicht dem, was Berners-Lee vorschwebte, bestimmte aber die Entwicklung des WWW wie keine andere Software zuvor – und kam ebenfalls nach kurzer Zeit unter die Räder. Microsoft schlug Netscape mit ihren eigenen Mitteln und sorgte schließlich dafür, dass dem kometenhaften Aufstieg der Firma, die an ihrem ersten Börsentag 4,4 Milliarden Dollar wert war, ein glanzloser Absturz folgte.

Wie immer sich das Web auch weiterentwickeln wird, eines steht fest: Bei allem Stolpern, wohl auch Stürzen, das die Entwicklung des WWW und des Internet von Beginn an begleitet, wird das Netz unaufhaltsam weiterwachsen und es in naher Zukunft keinen Lebensbereich geben, in dem Vernetzung keine Rolle spielt. Es mag einem gefallen oder nicht: Das Internet ist in der Welt – und es sieht nicht danach aus, als würde es wieder verschwinden: Wir werden lernen müssen, mit ihm zu leben.

Zuerst in: Die Welt, 3. Mai 2000

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