Net-Business

Donnerstag, 9. März 2000, 23.46 Uhr

Was macht ein Verleger, der zwar erfolgreich ist, doch dies mit Titeln von dauernswerter Dürftigkeit; der Zeitschriften zu verantworten hat, die nicht einfach nur dumm & dümmer sind, sondern ihre Banalität mit aberwitzigem Aufwand zelebrieren; der eindrucksvoll belegt, daß im Medienzirkus Geschmack selbst dann behindert, wenn er schlecht ist; der deshalb die Kunst der geschmacksneutralen Publikation zur Perfektion getrieben und bewiesen hat, daß zwar Sex sells, aber doch nicht so gut wie dessen Perversion in eine ent-sexualisierte Nacktheit, der jeder humane Funke ausgetrieben wurde und daß „Lifestyle“ nichts mit Stil und schon gleich gar nichts mit Leben zu tun hat, sondern nichts ist als der zeitgemäß gewendete Muff aus den Hinterzimmern verdruckster Spießer, miefig und lebensfeindlich wie eh und je – was also macht so ein Mann, der nichts ist als ein mit allen Abwassern gewaschener Vertriebsprofi und der doch so gern Verleger wär’?

Net-Business international erschien 14täglich zum Preis von 4,80 Mark in der Net-Business Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg, einer Milchstraße-Tochter. Dem Titel war allerdings kein Glück und nur ein kurzes Leben gegönnt. Nach den üblichen anfänglichen Boom-Erfolgen geriet die Zeitschrift sehr schnell in Turbulenzen, wurde verkauft und kurz darauf eingestellt.

Er stampft ein Wirtschaftsmagazin aus dem Boden. Denn bei Geld, das weiß ein jeder und er erst recht, bei Geld hört der Spaß auf. Ein Wirtschaftsmagazin – das muß man einfach ernst nehmen. Seit dem 24. Januar wissen wir: muß man nicht. An diesem Tag erschien in der Verlagsgruppe Milchstraße die erste Ausgabe einer Zeitschrift, die sich „Net-Business“ nennt und mit kokettem „international“ in der Unterzeile auftrumpft. Nun war die erste Ausgabe gleich so langweilig und schlecht, daß selbst der böswilligste Kritiker sich darauf besinnen mußte, daß an seiner Bude jeder drei Wurf frei habe – die dritte Ausgabe liegt nun vor und es ist nicht besser, nur billiger geworden: Statt 6,80 Mark kostet das 80 Seiten dicke Leichtgewicht nun 4,80 Mark.

Daß die arg unterbesetzte Redaktion vom AOL/Time-Warner-Deal kalt erwischt und die geplante Titelstory über Webportale mit heißer Nadel umgestrickt wurde, mag verzeihlich sein. Kaum jedoch, daß der Redaktion nichts besseres für die Erstausgabe zur „neuen Wirtschaft“ einfiel, als nun ausgerechnet den steinalten Portal-Hype, das ödeste aller öden Themen, auf den Titel zu hieven.
Seit diesem Ausrutscher am Anfang hechelt man in Hamburg dem Geschehen hinterher und kommt im vierzehntäglichem Produktionsstreß wohl nicht mehr dazu, über das eigene Tun und Treiben nachzudenken. Gedruckt wird einfach querbeet alles, was mit Internet, Medien und Geld zu tun hat, Hauptsache es kommt jede Menge Aufbruchstimmung rüber: „T-Online im Höhenflug: Alle Fakten zum Börsengang“ plärrt die zweite Ausgabe und langt prompt wuchtig daneben: „T-Online geht an die Börse, mindestens 4,2 Millionen Kunden fiebern mit“. Vielleicht ist dem Redakteur da ein T-Online-Prospekt zwischen die Notizen geraten, vielleicht glaubt er seinen Satz tatsächlich selbst – aber vermutlich ist es ihm völlig schnurzegal, was für einen Stiefel er da zusammenschreibt, Hauptsache er kann mit mächtig große Zahlen um sich werfen. Kein Wunder, daß da das brisantere Wirtschafts-Thema, die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone, auf die Seite zwei rutschte und der Redaktion selbst dort nichts kritisch- erhellendes, sondern nur beliebiges einfiel: „Internet-Tricks machen Chris Gent zum Sieger“. Was nicht gar.

Spätestens mit der zweiten Ausgabe konnte man alle Hoffnung fahren lassen, in Net-Business etwas andere zu lesen als die eitle Selbstbespiegelung einer im rasendem Tempo verblödenden Branche. Kritische Analysen und skeptischen Realismus sucht man besser in den US-Vorbildern wie „Industry Standard“, „Red Herring“ oder „Business 2.0“ (obwohl auch dort – „die Wahrheit über fast=Alles“ – nach beeindruckenden Anfängen sich allmählich Ermüdung breit macht).

Als Ausgleich bietet Net-Business – Milchstraße verpflichtet – den vollends überflüssigen Achtseiter „Life“, der mit niederschmetternd nichtigen Themen wie E-Cyas, Entspannungsübungen am Arbeitsplatz oder Valentinsgrüße via Internet aufzuwarten weiß.

Mit der dritten Ausgabe war’s dann endgültig aus: „CeBit 2000: Jetzt entdecken die Giganten das Internet“ titelt die Redaktion und meint damit, ausgerechnet, die Deutsche Bank, Telekom, Otto und Quelle – Konzerne mithin, die seit Jahren aktiv im Internet Erfahrungen sammeln und ganz bestimmt nicht „endlich aus erholsamen Jahrtausendschlaf“ – das steht da tatsächlich: Jahrtausendschlaf – „aufgewacht“ sind und bei denen sich „die Chefs der großen Konzerne“ sicherlich nicht „neulich in der Vorstandsetage“ verdutzt die Frage stellten: „Wie kommen wir ins Internet?“. Dergleichen Fragen stellen sich solche Leute ohnehin nur in den Köpfen, in denen die Pest „szenischer Einstieg“ schrecklich gewütet hat.

Das also kommt dabei heraus, wenn „First-Class-Journalisten aus allen relevanten Bereichen höchsten journalistischen Anspruch“ verbürgen und sie „höchste Aktualität durch permanente Recherche“ erreichen: Ein Wirtschaftsmagazin für die ganz Doofen, die geile Geschichten vom großen Geld lesen, es so genau nun aber auch nicht wissen wollen.

Was immer „Net-Business“ ist und noch werden wird, eines hat das Magazin jetzt schon geschafft: In Zukunft reicht ein Bild des Titellogos, um das Wort „Wannabe“ zu erklären.

Zuerst bei: Die Zeit im Internet, 10/2000