Nicht für die Schule

Freitag, 1. Mai 1998, 15.07 Uhr

Würden Sie beim Überqueren der Straße einfach drauflos laufen? Eben. Aber genau das tun Sie im Netz.

»Spring in den Fluß, kleines Nilpferd.« Mit diesem Satz beginnt Das kleine Nilpferd, ein ganz normales und willkürlich herausgegriffenes Bilderbuch, von der Art, wie sie Eltern immer schon ihren Kindern geschenkt oder vorgelesen haben.

Nichts besonderes also. Ob Bilderbuch oder Comic, Tageszeitung oder Fernsehen: Wir sind ein Leben lang von Medien umgeben und der tägliche Umgang mit ihnen führt zu jener Sorte Wissen, die wir selten in der Schule, aber dafür rund um die Uhr im Alltag gleichsam nebenbei erwerben.

So, wie wir alle einmal gelernt haben, daß eine Herdplatte heiß sein kann, eine Schere spitz und Feuer verheerend, so lernen wir, daß es Unterschiede zwischen einem Werbetext und einer Nachricht gibt, daß ein Foto auch gefälscht sein kann oder daß die Größe einer Schlagzeile nicht unbedingt etwas über die Bedeutung einer Nachricht aussagt.

Diese ganz alltägliche Medienkompetenz scheint uns so selbstverständlich wie die Tatsache, daß wir eine Straße überqueren können, ohne an der nächstbesten Kreuzung unter die Räder zu geraten. Alltagswissen eben. Woher wir das haben, spielt nur wirklich keine Rolle, wichtig ist, daß wir es überhaupt haben. Richtig? Falsch: Wer nicht ein wenig über die Grundlagen seiner Medienkompetenz nachdenkt, wird mit dem Medium »Internet« niemals klar kommen.

Durch die Allgegenwart von Zeitung, Fernsehen & Co. entwickeln wir im Laufe der Jahre verschiedene, auf Erfahrung basierende Kriterien, anhand derer wir innerhalb von Sekunden entscheiden, was wir von einem medialen Ereignis zu halten haben. Wenn etwa eine Zeitung professionell und seriös wirkt, dann neigen wir dazu, auf die professionelle Seriosität der Macher zu schließen.

Dieser Schluß ist normalerweise vertretbar und durch Erfahrung gedeckt. Schließlich sorgt im Hintergrund ein engmaschiges System aus verschiedenen Qualitätssicherungsmaßnahmen dafür, daß eine Tageszeitung nicht nur seriös wirkt, sondern üblicherweise auch seriös ist: Vor Druckfehlern schützt eine Schlußkorrektur, vor Fehlern eine Faktenkontrolle und vor gezielten Falschmeldungen im schlimmsten Fall der Gesetzgeber. Natürlich gibt es trotzdem Druckfehler, Falschmeldungen und Fälschungen, aber sie sind unterm Strich nur die Ausnahme, die die Regel bestätigen.

Im Internet ist das jedoch anders, hier greift das Zusammenspiel der verschiedenen qualitätssichernden Maßnahmen nicht, womit unserem Alltagswissen in diesem Punkt ganz einfach der Boden unter den Füßen weggezogen wird und es mit unserer Medienkompetenz nicht allzuweit her ist. Doch hindert uns das nicht daran, aus alter Gewohnheit dennoch auf sie zu vertrauen: Und so glauben wir, uns souverän durch den medialen Dschungel zu bewegen und stolpern doch nur von einer Fallgrube in die andere.

Auch wenn es so schön bequem ist, sich das Internet als eine Mischung aus Fernseher und Zeitung vorzustellen: Es ist ein radikal anderes Medium mit sehr eigenen und manchmal auch sehr eigenwilligen Regeln, die es zu erlernen gilt. Das bloß auskennerische Geschwätz vom Cyberspace, in dem es ganz doll virtuell und interaktiv zugeht, hilft hier ebenso wenig weiter, wie die flotten Werbesprüche, die uns einreden wollen, das sei alles ganz einfach: Das ist es nicht.

Wer sich in dem medialem Großphänomen Internet nicht verlaufen will, der muß Erfahrungen sammeln. Wer glaubt, es gäbe hier nichts Neues mehr zu lernen, der stellt sich besser auf ein paar böse Überraschungen ein. Wer glaubt, er habe die Zeit des Lernens hinter sich, der irrt: Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir.

Zuerst in: Internet Professionell, Mai 1998