Offene Dateiformate nach Art des Hauses

Freitag, 3. Juni 2005, 14.26 Uhr

Microsoft hat die Katze aus dem Sack gelassen und eine kleine Revolution angekündigt: Das nächste Office – Office 12, das vermutlich Ende 2006 erscheinen wird – soll als Standard-Dateiformat eine XML-Variante einsetzen, die zum einen vollständig dokumentiert werden soll und zum anderen ohne Lizenzgebühr von anderen Programmen frei benutzt werden kann.

Was an dieser Meldung nun revolutionär sein soll, fragen Sie? Nun, ganz einfach: Weil Microsoft hier endgültig mit einer Strategie bricht, dem das Unternehmen seine Marktmacht zumindest teilweise verdankt.

Um das zu verstehen, ist vielleicht ein kleiner Ausflug in die Welt der Daten und Dateiformate angezeigt.

Wer Daten speichern will, also zum Beispiel einen Text, der muss sich überlegen, in welcher Form er dies am besten tut. Bei einem einfachen Text im ASCII-Format werden die Bytes zum Beispiel einfach der Reihe nach in die Datei geschrieben. Es gibt ein paar Bytes für die systeminterne Verwaltung der Datei (zum Beispiel eine Kennung für den Anfang und das Ende der Datei), aber im Grunde geht es in einer ASCII-Datei so einfach wie nur möglich zu: Das erste Byte ist das erste darstellbare Zeichen, das zweite Byte das zweite und so weiter. Beim Schreiben einer ASCII-Datei wird also im Prinzip zuerst die Kennung für den Anfang eine Datei auf die Festplatte geschrieben, dann der Text unkodiert im Klartext Zeichen für Zeichen abgelegt und schließlich die Datei mit dem Code für das Dateiende geschlossen. Eine solche Datei kann von praktisch jedem beliebigen Programm geöffnet und eingelesen werden.

Doch sobald es man etwas anderes als einfache Zeichenketten speichern will, wird es kompliziert. Selbst ein nur mäßig formatiertes Word-Dokument zum Beispiel enthält eine Fülle an Merkmalen, die man nicht nach der oben beschriebenen Art und Weise speichern kann. Bei einer ASCII-Datei wird ja nur der reine Text gespeichert und keine Information zur Formatierung. Angaben zur Fettung, Kursivierung, zur Schriftgröße oder zum Zeichensatz sind in einer ASCII-Datei genau so wenig zu bewahren wie die Daten eines eingebundenen Bildes, spezielle Anordnung des Texte (etwa im Spaltensatz) oder das Papierformat. Wenn in einem Word-Dokument ein „A“ steht, dann würde in einer ASCII-Datei nur dieser Buchstabe stehen, in einer Word-Datei finden sich außerdem etliche Angaben zur Formatierung dieses Buchstabens.

Um solche Daten speichern zu können, muss man ein spezielles Dateiformat entwickeln. Das Programm – hier also Word – speichert seine Daten dann in diesem speziellen Format. Andere Programme können mit dem speziellen Format allerdings nichts anfangen und die entsprechende Datei auch nicht öffnen. Ein solches Dateiformat kann eine Goldgrube werden – dann nämlich, wenn die Dokumente eines Programms aufgrund seines komplizierten und nicht öffentlich dokumentierten Dateiformates nur von diesem speziellen Programm gelesen und geschrieben werden können.

Wenn es also gelingt, ein bestimmtes Programm wie etwa Microsoft Word als Standard auf dem Markt zu etablieren, dann muss man nur noch dafür sorgen, dass das Dateiformat nicht von jedem anderen Programm einfach so eingelesen und verarbeitet werden kann und man hat eine Lizenz zum Gelddrucken. Jeder, der eine Datei in dem Standardformat lesen oder schreiben möchte – wobei von „wollen“ oder „mögen“ eigentlich nicht mehr die Rede sein kann, wenn ein Programm zum Industriestandard geworden ist – ist gezwungen, dieses Programm zu kaufen. Kein Wunder, dass Dateiformate häufig zu den gut gehüteten Firmengeheimnissen gehören.

Vor diesem skizzierten Hintergrund ist die erstaunliche Ankündigung von Microsoft zu sehen, wobei der Konzern sogar noch einen Schritt weiter geht. War es früher üblich, dass neue Versionen eines Programms auch mit neuen Dateiformaten aufwarteten, um den Update-Druck auf die Anwender zu erhöhen, hat Microsoft angekündigt, durch spezielle, kostenlose Updates auch die älteren Office-Versionen 2000, XP und 2003 in die Lage zu versetzen, das neue, offene Dateiformat verarbeiten zu können.

Über die Motive für den Sinneswandel in Redmond kann man trefflich spekulieren, dass der Erfolg von Open Source im Allgemeinen und von Open Office im Besonderen eine Rolle gespielt haben, scheint mir eindeutig. Offensichtlich möchte man wechselbereite Kunden dadurch halten, dass man sich zumindest teilweise auf offene Dateiformate einlässt. Schließlich sind die Vorteile offener Formate wie etwa der einfache Datenaustausch zwischen verschiedenen Programmen oder die stark vereinfachte Entwicklung von Add-Ons und Office-Tools überzeugende Pluspunkte. Wenn nun MS Office mit einem offenen Format daherkommt, fällt für manche Kunden wohl einer der Hauptgründe für einen möglichen Wechsel zu Open Office oder anderen Konkurrenzprodukten weg.

Doch so positiv die Ankündigung von Microsoft auch ist – hüten wir uns vor einer „Friede, Freude, Eierkuchen“-Stimmung. Zum einen ist Microsoft Office 12 noch nicht auf dem Markt und bis Ende 2006 kann sich noch einiges ändern. Zum anderen soll das Format zwar offengelegt werden, aber natürlich trotzdem eine proprietäre Microsoft-Angelegenheit bleiben – das bereits existierende Format OASIS („Open Document Format for Office Applications“), mit dem zum Beispiel Open Office in der nächsten Version arbeiten soll, wird von Microsoft explizit nicht eingesetzt – ganz so offen möchte man dann doch nicht werden in Redmond.

Doch solche Spekulationen und Kalküls sollen uns zum Wochenende grad‘ egal sein. Freuen wir uns lieber über die positiven Seiten von Microsofts Entscheidung und genießen wir ansonsten ein hoffentlich sonniges Wochenende.


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