Old Shatterhand in Moabit

Freitag, 19. Februar 2016, 13.09 Uhr

Am 12. April 1910 erlebte Karl May eine der schlimmsten Niederlagen seines Lebens. Vor dem „Königlichen Schöffengericht Charlottenburg“ unterlag der Schriftsteller in seiner Privatklage gegen Rudolf Lebius, dem er es untersagen lassen wollten, ihn als „geborenen Verbrecher“ zu bezeichnen. Der Prozess wurde zu einem Debakel für May, der den Fall in greller Verkennung der Realität als reine Formsache betrachtete, sich selbst eher ungeschickt verteidigte, und am Schluss gegen den unglaublichen Wust an Verzerrungen, Verleumdungen und dreisten Lügen nur noch ein hilfloses „Es ist ja alles gar nicht wahr“ vorbringen konnte. Erst 20 Monate später, am 18. Dezember 1911, kam es in einem Berufungsverfahren in Berlin-Moabit zu einer letzten Genugtuung. In dem Verfahren, in dem May nun, auf Vermittlung Maximilian Hardens, den renommierten Strafverteidiger Erich Sello an seiner Seite hatte, wurde Lebius schließlich verurteilt. Während der erste Prozess eine auch für heutige Verhältnisse unglaubliche Pressekampagne gegen May zur Folge hatte, löste die Rehabilitierung praktisch kein Echo mehr aus. Wenige Monate später war May tot.

Um diese beiden Prozesse kreist Walter Püschels kleines Hörspiel „Old Shatterhand in Moabit“, das der Autor 1988 für den Berliner Rundfunk (DDR) schrieb, und das nun in einer wohlfeilen Edition bei Pidax Film erschienen ist. Das gut 40-minütige Hörstück montiert erläuternde Sprechertexte mit fiktiven Spielszenen, in denen uns ein altersmüder Karl May (glänzend gesprochen von Günter Naumann) präsentiert wird, der gleichsam in einer eigenen Zwischenwelt lebt, in der sich Realität und Fiktion übergangslos mischen und nicht mehr klar zu trennen sind. So kann er sich einerseits immer wieder angelegentlich und ernsthaft beim Hotelportier erkundigen, ob denn immer noch kein Brief von Lord Lindsay eingetroffen sei oder Klaras Hinweis, ihr Mann sei „müde von der Reise“ kühl mit einem „Ich habe andere Strapazen aushalten müssen als eine Bahnfahrt von Radebeul nach Berlin“ kontern (was nun allerdings, recht bedacht, durchaus stimmt) und doch gleichzeitig mit seinen Rollen und Gesten eher spielerisch umgehen. Püschels Hörspiel ist sicherlich kein Meilenstein, aber ein schönes und anrührendes Dokument, das jedem May-Freund die letzten Lebensjahre Karl Mays ein wenig näher bringen kann. Als „Bonusmaterial“ hat Pidax dem Hörspiel ein Radio-Feature von Christian Heermann beigegeben. In knapp 30 Minuten zeichnet „Meine bösen Jahre“ (1986) die politischen Hintergründe um die beiden Prozesse und den Fall May vs. Lebius nach. Im schönsten DDR-Jargon, aber in der Sache korrekt und engagiert.

Walter Püschel: Old Shatterhand in Moabit; Christian Heermann „Meine bösen Jahre“. 1 CD, 72 Minuten. Pidax film 2015; 4,90 Euro.

Geschrieben für „Karl May & Co“

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