Ordnung muss sein. Oder auch nicht.

Freitag, 27. Mai 2005, 12.46 Uhr

Gestern abend war ich mit meinem Kollegen Wolfgang essen. Wir hatten hatte uns fest vorgenommen, das Thema Computer außen vor zu lassen. Doch gute Vorsätze sind bekanntlich dazu da, dass man sich nicht an sie hält und über kurz oder lang landeten wir natürlich doch bei dem unvermeidlichen Gespräch über Computer & Co.

Wir hatten unsere digitalen Kameras dabei und kamen daher schnell auf die Frage, was man mit den rapide anwachsenden Bilderbergen machen soll. Von dort war es dann nur ein kleiner Schritt zum allgemeineren Problem, wie man die Flut an digitalen Informationen, die tagtäglich auf einen einstürzt, sinnvollerweise verwaltet.

Wolfgang erzählte, dass er regelmäßig viel Zeit in die Organisation seiner Festplatte steckt, sich Ordnungsstrukturen überlegt, Verzeichnisse und Unterverzeichnis anlegt und ähnliches mehr. Und dass ihm das zunehmend sinnlos erscheint und über kurz oder lang auf seiner Festplatte ein Kuddelmuddel und Durcheinander herrscht.

Mir geht es da nicht anders. Als ich meinen derzeitigen Computer angeschafft und das erste Mal eingeschaltet habe, da nahm ich mir, gewitzt durch frühere Erfahrungen, fest vor, von Anfang an auf ordentliche Strukturen zu achten. Das habe ich auch einige Zeit durchgehalten, aber irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich relativ wahllos an den unterschiedlichsten Stellen einen „Neuen Ordner“ anlegte, weil ich just im Moment und während einer laufenden Arbeit ein Dokument speichern musste und keinen passenden Ablageplatz fand. Natürlich nahm ich mir vor, diesen „Neuen Ordner“ sofort nach Abschluss der aktuellen Arbeit aufzuräumen, aber ebenso natürlich hatte ich diesen guten Vorsatz schon kurze Zeit später vergessen, weil sich andere, dringendere Aufgaben in den Vordergrund drängelten.

Ab und an machte ich mich daran, meinen Datenbestand aufzuräumen, aber der Datenberg wurde von mal zu mal höher und meine Motivation sank von mal zu mal auf immer neue Tiefpunkte. Ich begann damit, alles, was bei aktuellen Arbeiten nebenbei anfällt, in einen Ordner namens „Krams“ zu speichern. Der bekam natürlich rasch Unterordner, die ebenfalls Unterordner enthielten und die so sinnige Namen wie „Neuer Ordner“, „Neuer Ordner (2)“ oder „Neuer Ordner (3)“ trugen. Das wäre noch gar nicht mal so schlimm, hätte ich nicht inzwischen verschiedene „Krams“-Ordner, die auf Namen wie „Projekte“, „Infos“ oder „Diverses“hören und ihrerseits wieder Ordner mit ähnlich nichts sagenden Namen enthalten.

Inzwischen habe ich vor der Aufgabe kapituliert, gründliche Ordnung in mein Datenchaos zu bringen, es ist einfach aussichtslos. Ich beschränke mich darauf, nur das Notwendigste zu sortieren. Je älter eine Datei oder ein Ordner ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich völlig vergessen habe, warum ich dieses Daten für speichernswert hielt.

Inzwischen weiß ich etwa schon längst nicht mehr, was sich in einer Datei wie „2134a4b.pdf“ verbirgt und warum ich diese Datei im Ordner „Projekte / Websites / work in progress / sonst“ gespeichert habe. Ich müsste sie jetzt öffnen – was ich gerade getan habe, es handelt sich um eine Spam-Studie aus dem Jahr 2004, die dort, wo sie ist, vermutlich gar nicht hingehört. Nun könnte ich mir überlegen, ob ich diese Datei noch benötige und wenn ja, wo ich sie sinnvollerweise ablege. Ich könnte sie aber auch einfach da lassen, wo sie ist und das Ordnerfenster kurzerhand schließen.

Und warum auch nicht? Das Chaos auf meiner Platte ist am Ende nur ein scheinbares. Die Ablage- und Ordnungsstrukturen sind zwar nur zum Teil geplant, aber dafür sind sie zum anderen Teil organisch gewachsen. In gewisser Weise bildet meine Festplatte meine Art zu arbeiten ab und ich finde mich intuitiv auf ihr zurecht, nicht rational logisch oder weil ich ein besonders ausgefuchstes Ablagesystem hätte. Überhaupt stammt die Idee, Ordnung müsse sein, aus der Papierwelt und da ist sie auch sehr sinnvoll. Wenn in einer Akte ein Dokument falsch einsortiert und diese Akte dann auch noch in einem falschen Aktenschrank abgelegt wird, dann ist das Dokument praktisch verschollen und nicht mehr auffindbar. Bei einer Festplatte ist es aber völlig egal, wo sich eine Datei befindet – dank einer Volltextsuche lässt sich jedes Dokument wieder finden, solange man sich nur an prägnante Stichworte erinnert.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass Apple bei seinem neuen Betriebssystem Tiger vor allem die (in der Tat phänomenale) Suchfunktion „Spotlight“ in den Vordergrund stellt oder dass Microsoft eine neue Desktop-Suchmaschine entwickelt hat: Das Suchen und Wiederfinden von digitalen Informationen wird in den nächsten Jahren das vielleicht wichtigste Thema bei der Entwicklung neuer Systeme sein. Mir soll das recht sein, kommt das alles doch meiner natürlichen Wurschtigkeit sehr entgegen.

Und mit dieser Perspektive kann ich meinen Computer beruhigt ausschalten und das sonnige Münchner Wochenende genießen.


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