Porno-Premiere für Kinder

Donnerstag, 20. Dezember 2001, 14.18 Uhr

Es ist kalt, regnerisch und um vier Uhr nachmittags wird’s dunkel. Mit einem Wort: Fernsehwetter. Wäre da nicht das Grauen der TV-Werbung, die an trüben Wintertagen gleich doppelt unerträglich ist. Aber es gibt einen Ausweg: »1st Class Entertainment« plärrt mir Premiere entgegen und verspricht eine »neue Dimension des Fernsehens«, gar einen »Meilenstein in der Sportberichterstattung«. Dergleichen macht neugierig, also habe ich mir zeigen lassen, was der Sender nun konkret meint. Zunächst einmal: Geld. Nämlich rund 70 Mark, die selbst der treueste Kunde für den Austausch der alten D- Box gegen das benötigte Modell »D-Box mit Fernbedienung, die farbige Tasten (Funktionstasten) hat« (doch, die heißt wirklich so) zahlen muss. Hat man sich dann mit Geduld und Fingerspitzengefühl (»Drücken Sie gleichzeitig die Stand-by- Taste und die ›Pfeil-nach-oben‹-Taste«) die neue Software »Betanova 2« übers TV-Kabel geladen, erwartet einen die nächste Ernüchterung. Der »Meilenstein der Sportberichterstattung« verkleinert ein Fußballspiel auf Briefmarkengröße, damit man auf allerlei Texttafeln das lesen kann, was man gerade nicht sieht und in einem kleinen Fenster eine Endlosschleife mit Szenen des Spiels gezeigt bekommt, das selbst nur noch als kleiner, flimmernder Fleck zu sehen ist. »Sport Interactive« heißt das im Premiere-Slang. Zum Ausgleich bietet die Box einen launigen Bug, der – »neue Software, neue Möglichkeiten« – eine erstaunliche, programmerweiternde Funktion bietet. Früher oder später kapituliert die Box vor der digitalen Datenfülle und friert die begleitenden Programminformationen ein. Zwar zeigt sie das aktuelle Programm, aber die angezeigten Daten gehören zu früheren Sendungen. So weit, so lästig. Da die Box aber den Überblick verloren hat, verheddert sie sich auch in den FSK-Einstufungen und bleibt einfach bei der zuletzt gültige Angabe. Lautete die etwa »Frei ab 12«, ist es problemlos möglich, im reichhaltigen Action- & Sex-Angebot zu stöbern, ohne von der Kindersicherung belästigt zu werden. Ob das gemeint ist, wenn mir das Premiere-Model auf den aktuellen Plakaten werbend versichert: »Ich schenke eine märchenhafte Kindheit«?

Zuerst in: Die Zeit, 51/2001

Anmerkung: Jeder Artikel in einer Zeitung oder Zeitschrift wird von der Redaktion mehr oder weniger stark redigiert. Um einmal ein Beispiel zu geben, wie so etwas aussieht, folgt nun die von der Redaktion erstellte Druckfassung des obigen Textes.

Es ist kalt, regnerisch, und früh wird’s dunkel: Fernsehwetter. Da wirkt das Grauen der Weihnachtswerbung doppelt. Aber es gibt einen Ausweg: Eine „neue Dimension des Fernsehens“ verheißt Premiere, samt „Meilenstein in der Sportberichterstattung“. Also habe ich mir zeigen lassen, was das heißt. Zunächst einmal rund 70 Mark für den Austausch der alten d-Box gegen die neue „d-Box mit Fernbedienung, die farbige Tasten (Funktionstasten) hat“. Sic. Hat man sich dann mit Fingerspitzengefühl – „Drücken Sie gleichzeitig die Stand-by-Taste und die ,Pfeil nach oben‘-Taste“ – die neue Software Betanova 2 geladen, kommt die Ernüchterung. Der „Meilenstein der Sportberichterstattung“ verkleinert nämlich ein Fußballspiel auf Briefmarkengröße, damit man auf allerlei Texttafeln das lesen kann, was man gerade nicht sieht. Und ein kleines Fenster zeigt in einer Endlosschleife Szenen des Spiels, das selbst nur noch als Fleck flimmert.

Zum Trost bietet die Box einen Programmierfehler von der Sorte „neue Software, neue Möglichkeiten“: Früher oder später kapituliert die Box vor der Datenfülle, die sie verarbeiten soll, und friert die Begleitinformation ein. Dann zeigt sie zwar das aktuelle Programm, aber die Begleitdaten früherer Sendungen. Daher verheddert sich die Box auch in der Freiwilligen Selbstkontrolle FSK, die sie auf Wunsch besorgter Eltern in der Programm-auswahl ausüben soll. Stur verharrt sie bei der zuletzt gültigen FSK-Einstufung. Lautet die etwa „Frei ab 12“, dann lässt sich frei im reichhaltigen Action- und Sex-Angebot stöbern, ohne Kindersicherung. Ob das gemeint ist, wenn das Premiere-Model jetzt auf den Plakaten verspricht: „Ich schenke eine märchenhafte Kindheit“?


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