»Protokoll einer erfolgreichen Bestechung«

Montag, 24. Juli 2006, 12.07 Uhr

Eine schöne Nach-WM-Lektüre ist Martin Sonneborns Dokumentation »Ich tat es für mein Land.« Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte: Protokoll einer erfolgreichen Bestechung.

Es ist zwar nur ein schmales, aber immerhin Hardcover-Bändchen und mit 12,90 Euro nicht ganz billig. Doch es ist sehr komisch – ich habe bei der Lektüre wortwörtlich Tränen gelacht. Allein die beiden Bestechungsfaxe sorgen für ausgedehnte Heiterkeitsanfälle und sind schon mal den halben Preis wert.

Wir erinnern uns: Alle Zeichen deuteten daraufhin, dass die WM 2006 in Südafrika stattfinden würde, kaum jemand hegte Zweifel am Ausgang des Wahlverfahrens. Doch dann geschieht die Sensation: Obwohl der neuseeländische Fifa-Abgeordnete Charles Dempsey explizite Order hat, für Afrika zu stimmen, enthält er sich der Stimme. Deutschland bekommt mit 12:11 Stimmen den Zuschlag.

Hätte Dempsey auftragsgemäß abgestimmt, wäre es mit 12:12 zu einem Unentschieden gekommen und Blatters Stimme hätte den Ausschlag gegeben: für Südafrika, woran er nie einen Zweifel gelassen hat.

Dempsey gab später an, er sei unter Druck gesetzt worden und ein obskures Bestechungsfax aus Deutschland habe ihn schließlich so eingeschüchtert, dass er sich lieber seiner Stimme enthalten habe.

Es gab einen riesigen Wirbel, in dessem Zentrum plötzlich die Frankfurter Satirezeitschrift Titanic stand. Denn die Faxe kamen vom Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn, der den ganzen aberwitzigen Verlauf dieser erfolgreichen Bestechung nachzeichnet und genüsslich glossiert.

Dabei sind die reinen Fakten des Vorgangs zwar interessant, könnten in nüchternem Tonfall aber auch in der Wikipedia nachgelesen werden. Was Sonneborns Büchlein dagegen auszeichnet und zur Pflichtlektüre werden lässt, ist sein ironisch eleganter Stil und, natürlich, die Insider-Perspektive.

Zwar findet sich der Hauptteil des Büchleins, also das eigentliche Protokoll, auch auf den Webseiten der Titanic, aber hier fehlen die ebenso amüsanten wie informativen Fußnoten, die Faksimiles der Originalfaxe und diverser Zeitungsberichte und einige andere Kleinigkeiten.

Das schmale Bändchen ist nicht nur sehr lustig und eine unverzichtbare Dokumentation für spätere Generationen – es ist darüberhinaus eine glänzende Mediensatire, die mehr über das Funktionieren der Presse zeigt, als manche aufwendige Studie.

Im Anhang und »damit das Buch voll wird« findet man ein paar Seiten zu Sonneborns DIE PARTEI. Ebenfalls sehr komisch. Aber völlig fußballfremd.

Martin Sonneborn: »Ich tat es für mein Land.«
Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte: Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. München: Bombus, 2005. 125 Seiten. ISBN 3-936261-37-7.
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