Pusher, Pleiten, Pioniere

Dienstag, 1. Juli 1997, 11.02 Uhr

»Internet. Ich drück dich« – Wer bei den Pushern mitmischen will, muß sich beeilen. Es ist nämlich bald schon wieder aus.

Seit Pointcast vor 18 Monaten das Pointcast-Network vorgestellt hat, herrscht im Netz plötzlich das große Drücken: Push heißt das neue Zauberwort der Zunft. Statt sich aktiv durchs Web zu klicken soll sich der umworbene Netzwanderer bequem zurücklehnen und beliefern lassen. Wer sich bislang spröde sträubte, dem will man nun in Zukunft über einen eigenen »Channel« auf den Bildschirm purzeln. Damit soll dann endlich wieder Ordnung herrschen im Reich der Werber und der Medienmacher, die das 1a-Pull-Medium Internet gehörig durcheinander gebracht hat.

Während Kritiker mal wieder den Untergang des Abendlandes heraufdämmern sehen – sie können sich beruhigen: es ist längst untergegangen, es hat nur keiner gemerkt – herrscht bei den Medienmachern im Netz eitel Freude und rege Betriebsamkeit. Schließlich will jeder am erhofften Milliardenmarkt teilhaben. Es herrscht Aufbruchsstimmung und wohin die Reise gehen soll, verrät die Channel-Metapher: Zum Fernsehen soll es werden, das Internet. Bis es soweit ist, wird geübt und ein fröhlicher Metaphern-Mix angerichtet: Was gestern noch simpel Kategorie, Menü oder Auswahl hieß, heißt heute plötzlich »Channel«. Ob das was bringt?

Egal. Solche Fragen irritieren die Mini-Murdochs genauso wenig wie der schlichte Hinweis, daß es mit dem Pushen im Netz nicht so weit her ist. Schließlich ist es immer noch der Client, der Daten anfordert, immer noch muß der Nutzer aktiv entscheiden, was er bekommen will und was nicht. Und so unglaublich neu ist das auch alles nicht: Prinzipiell präsentieren Pointcast & Co. alten Wein in neuen Schläuchen. Die sind zwar schön anzusehen, zugegeben: Aber was kann Pointcast, was nicht mit einer Mischung aus Notification-Service, Offline-Browser und Maillinglist auch und obendrein ressourcenschonender machbar wäre? Auch mit dem beschworenem Web-Broadcasting ist es nicht allzuweit her: Im Netz muß eine Nachricht an 1000 Kunden auch 1000 mal verschickt werden. Und welche Konsequenzen der Broadcast-Wahn für die Netzbelastung nach sich zieht, konnte man ja letzthin in der Kolummne nebenan lesen.

Neu war bei Pointcast allerdings die Idee, nun ausgerechnet den Screensaver-Modus als Nachrichtenkanal zu nutzen. Dümmer geht’s nümmer: schließlich wird ein Screensaver dann aktiv, wenn voraussichtlich keiner hinschaut. Dafür belegt er jedoch praktisch das ganze System mit Beschlag – gut möglich, daß es diese besitzergreifende Geste war, an der sich die begeisterten Fantasien entzündeten. Kein Wunder, daß man gestreßten Managern hier und da die Push-Clients als »solution« anpreist, »that empowers managers to push relevant information to employee desktops«. Eine Reaktion der Angestellten ist in diesem Modell nicht vorgesehen. Da könnte man sich fragen, welches Problem hier eigentlich gelöst werden soll.

Neu und ganz und gar nicht dumm war auch die vielfach kopierte Idee, ein proprietäres Versandformat zu erfinden, das nur über einen proprietären Server an den proprietären Client geschickt werden kann. Damit zwängen sich die digitalen Drückeberger zwischen Sender und Empfänger und bekommen unversehens eine Machtposition, von denen die Kirchs dieser Welt nur träumen können.

Doch keine Sorge – dazu wird es nicht kommen. Es wird das passieren, was bislang immer noch passierte: Man wird sich auf allgemeine Standards einigen. Ganz gleich, ob sich Microsofts Channel Definition Format samt Active Desktop oder Netscapes Netcaster durchsetzen wird, auf jeden Fall werden die proprietären Clients genauso überflüssig wie die proprietären Server der Push-Firmen. Mit I-Fusion und derem Produkt Arrive hat die Branche bereits ihre erste spektakuläre Pleite, weitere werden folgen. Und am Schluß bleibt eigentlich alles wie gehabt: Dank Standards kann wieder jeder im Netz senden und empfangen wie und was er mag. Es bleibt also alles beim alten im Netz. Nur voller wird es werden. Aber das wird es sowieso.

Zuerst erschienen in: Internet Professioinell, Juli 1997


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