Redmond, wir haben ein Problem

Sonntag, 2. Februar 2003, 14.05 Uhr

Rund ein Jahr ist es her, da rief Bill Gates als wichtigstes Unternehmensziel für Microsoft das „trustworthy computing“ aus. „We can and we must do better“, gab Gates seinen Mannen memomäßig mit auf den Weg, bevor für ein paar Wochen die Arbeiten an neuen Versionen gestoppt und die verfügbare Entwicklerenergie in die Überarbeitung und Reparatur vorhandener Software umgeleitet wurde. Das so anpackerisch angegangene Ziel manifestierte sich in einem nicht enden wollenden Strom aus Patsches, Updates und Flicken und eine zeitlang sah das alles so viel versprechend aus, dass sich Begriffe wie „energisch durchgreifen“ fast von allein einstellten. Doch am Jahrestag der Aktion ist es Zeit für einen nüchternen Rückblick: Was ist aus Microsofts vertrauenswürdigem Computereinsatz geworden? Nüchtern gesagt: Nicht viel. Wer glaubte, mit der groß angelegten Aufräumaktion seien die notorischen Sicherheitsprobleme beseitigt, den belehren die mittlerweile im Wochenrhythmus eintreffenden Patches darüber, dass für jeden beseitigten Bug prompt ein neuer hinzukommt. Da drängt sich der Verdacht auf, dass mit „trustworthy computing“ eher Image- als Produktpflege gemeint gewesen sei. Nach wie vor verfolgt man in Redmond das Ziel, das zusammenzuzwingen, was nicht zusammen gehört, nach wie vor herrscht eine unselige Vermanschung von Daten und Programmen. Und damit heißt es nach wie vor: Redmond, wir haben ein Problem.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, 2/2003