Respekt? Wofür?

Freitag, 14. März 2014, 12.55 Uhr

Ich geb’s ja zu: als die Meldung kam, Uli Hoeneß habe sich in das Unvermeidliche geschickt und auf eine Revision des Urteils verzichtet, war meine spontane Reaktion: Respekt, das hätte ich ihm jetzt nicht zugetraut. Doch nach diesem ersten Impuls fragte ich mich – Respekt? Wofür?

Dafür, dass er jahrelang Millionen hinterzogen und darauf spekuliert hat, dass er irgendwie ungeschoren davon kommen würde, um dann, als klar war, dass das Steuerabkommen mit der Schweiz ihn doch nicht retten wird, in aller Hektik das offenzulegen, was nicht mehr zu verbergen war? Dafür, dass er jahrelang systematisch gelogen und den lautpolternden Saubermann der Nation spielte? Dafür, dass er schließlich das getan hat, was eigentlich selbstverständlich sein sollte und selbstverständlich von allen anderen verlangt wird – auch und gerade von ihm? Nicht wirklich, oder?

Und dann trudelten zwei Meldungen ein, die dem Urteil gleich mal den passenden Bezugsrahmen gaben:

  • Sepp Krätz, Münchner Wiesnwirt und lokale Berühmtheit, gab vor Gericht zu, dass er 1,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen habe. Er hatte nämlich einen Deal mit dem Gericht: Er gesteht – und dafür bekommt er maximal zwei Jahre auf Bewährung.
  • Ein 16-jähriger Schwarzfahrer aus Magdeburg wurde wegen notorischen Schwarzfahrens zu 2 Jahren und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Damit er dann, wenn er rauskommt und wählen darf, auch weiß, wie das in diesem Land mit der Gerechtigkeit so geht.[Update 16.3.] Diese Meldung war wohl deutlich verkürzt. Der 16-Jährige wurde nicht nur wegen Schwarzfahrens, sondern „wegen Vielzahl schwerer Taten“ verurteilt. Das ändert allerdings nichts daran, dass man als millionenschwerer Betrüger mit milden Strafen rechnen oder gar einen Deal aushandeln kann. Ansonsten eher nicht.

Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website:

6 Kommentare zu „Respekt? Wofür?“

Katharina schrieb am 14. März 2014, um 13.08 Uhr

giesbert,

Du hast ja Recht. Natürlich. Aber dennoch Respekt für diese eine Sache: dafür, dass er jetzt mal die Klappe hält und dafür, dass jetzt mal Ende dieser widerlichen Opfertiraden ist („Ich bin kein Sozialschmarotzer“). Ich will ihn nicht mehr hören. Für dreieinhalb Jahre (naja, es wird wohl deutlich weniger sein) nicht. Aber ich hoffe, über ihn mehr zu erfahren. Woher und wofür gab es adidas-Geld, wie kamen 150 Millionen ins Ausland, wie sehen die Zahlen nach eingehender PRüfung aus?

Das Verhältnis zwischen Recht und Gerechtigkeit ist ein schwieriges, um freundlich zu sprechen. Bibliotheken voller Rechtsphilosophie darüber hat Marx mit dem einen Satz entblößt: „Das herrschende Recht ist das Recht der Herrschenden.“ Soviel zu den beiden o.a. Meldungen. Zu Hoeneß schweige ich, unzuständigkeitshalber.

Ach, ich fühle mich da eigentlich schon zuständig, denn das, wie man bisweilen im Jargon sagt, „ausgewürfelte“ Strafmaß ist in diesem Fall viel zu niedrig angesetzt worden: Etwa ein Jahr pro 10 Millionen hinterzogene Euro. Abzüglich „guter Führung“ usw. wird das auf eineinhalb Jahre Haft hinauslaufen, schätze ich jetzt einfach mal so. Und das ist einfach zu wenig für soviel kriminelle Energie, wie Hoeneß sie hatte.

Der Vergleich mit dem jugendlichen Schwarzfahrer erinnert mich an meine Zeit als Referendar beim Jugendrichter: Je besser der Angeklagte integriert war, je besser seine soziale Herkunft, desto niedriger fiel das Strafmaß aus. Und wer wäre besser sozial integriert als er? Es gibt einen eigenen Wirtschaftszweig, der Dienstleistungen für solche Leute anbietet, und money, wußte schon Ambrose Bierce im „Wörterbuch des Teufels“, ist ein passport to polite society. Das wird ihn auch die nächsten Jahre erträglich gestalten lassen.

Und danach? Wird er resozialisiert. Mit Sozialarbeiter und allem, was dazugehört. – Echt?

Katharina schrieb am 15. März 2014, um 11.11 Uhr

Was mich am meisten erschüttert: ob 3,5 oder 5,5 oder was auch immer: er wird es am Ende überstehen und kann da weitermachen, wo er aufgehört hat. Eine Vorstrafe, die für, ich denke, jeden von „uns“ (Otto Normalverbraucher) gesellschaftliche Ächtung, sozialer Abstieg und das Ende des bisherigen Lebens bedeuten würde, macht in Kreisen von Politikern oder „den Reichen“ nichts. Lambsdorff? trotz Vorstrafe Bundesvorsitzender. Wiesheu? Fährt besoffen jemanden tot, Geldstrafe, anschließend bayerischer VErkehrsminister. Rummenigge schmuggelt Rolex, ist vorbestraft, und keinen kratzt es. Man mag zur Medienhetze sagen, was man will: ein echt geringer Preis, der von Hoeneß da gezahlt wird – es kann ihm egal sein, was „das Volk“ denkt. Nach der (Haft-)Strafe geht er in seine Villa zurück, und zumindest bei Heimspielen kann er ins Stadion gehen, ohne ausgepfiffen zu werden. Es ist ganz schön was faul im Staate….

@Katharina: Das ist nicht ganz richtig. Es kratzt auch bei den Reichen und infolgedessen „sozial Integrierten“ durchaus am Image, das geht nicht folgenlos aus. Siehe Guttenberg, ganz ohne Strafverfahren. Was will er denn jetzt noch machen? Sie werden dadurch aber noch nicht materiell ärmer und können, soviel stimmt, in diesem Sinne dort ihr Leben in gewisser Weise fortsetzen, wo sie vorher standen, der H. wird keinen Fallmanager von der ARGE bekommen – das ist der Unterschied zum Normalfall.

Respekt, Herr Hoeneß . . . .?
„Uli Hoeneß hätte sich womöglich manches erspart, vielleicht sogar das Gefängnis, wäre er immer so konsequent und verantwortungsvoll mit seinem Geschäftsgebaren umgegangen wie nun mit der Revision“, schreibt der „SZ“-Kommentator („Sächsische Zeitung“) Peter Heimann. Und weiter: „Quasi über Nacht hat Hoeneß jetzt die Taktiererei aufgegeben und mit dem Anstand, den er immer behauptet und für sich reklamiert hat, die Strafe für sein Tun akzeptiert. Respekt, Herr Hoeneß!“
Gehts noch bescheuerter, Herr Kommentator? Respekt, Herr Hoeneß? Wenn das Weißwurschtl von einem Tag auf den anderen auf die Sprungrevision verzichtet, dann weil er weiß, vor dem Bundesgerichtshof könnte es noch schlimmer werden. Vielleicht erhöht der BGH im Revisionsverfahren die Haftstrafe gegen ihn auf die von der Staatsanwaltschaft beantragten mehr als fünf Jahre. Darum verzichtete auf die Revision. Und nicht weil – wie er gestern verkünden ließ – das seinem „Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung“ entspricht. Und weiter: „Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich“. Zudem hofft Hoeneß mit diesem einsichtigen Verhalten und mit „guter Führung“ bereits nach eineinhalb Jahren wieder entlassen zu werden.
Wie kommt man eigentlich auf die saublöde Idee, Hoeneß Respekt zu zollen? Zumal erkennbar ist, dass er die weißwurschtlschlaue Taktiererei eben doch nicht aufgegeben hat!