Revolution & Parzival

Montag, 1. September 1997, 11.05 Uhr

Wie jedes Jahr kann man sich auch in diesem Sommer mit amüsanten Geschichten über den Regen hinwegtrösten.

Ich liebe den Sommer. Mag er auch noch so verregnet sein – es gibt immer wieder die tollsten Neuigkeiten. Und heuer gab’s schon zwei kaum noch zu schlagende Spitzenleistung.

Zum Beispiel die Temporevolution des Herrn Sommer. Wer dem größten europäischen Provider vorwirft, er agiere wie ein verschnarchter Beamtenhaufen vollverblödet in provinzieller Engstirnigkeit, der mag auf den Beifall der T-Online-Kunden rechnen, liegt aber trotzdem falsch.

Spätestens seit Ende Mai hat das Unternehmen in Sachen Produkteinführung eindeutig das Niveau anderer Weltkonzerne erreicht und kann sich mühelos mit Microsoft & Co. messen. Da nämlich fand ich die Zeitschrift Com in meiner Post: »Kostenloses Probeheft für T-Online-Kunden« las ich da und auf dem Cover prangte eine CD und das eine Wort: »Tempo-Revolution«.

Aber wie das so ist mit den deutschen Revolutionen – sie gehen ganz gemütlich daneben. Die CD auf dem Cover war nur gemalt, im Heft las ich dann von „komplexen Vorhaben“, »technischen Verzögerungen« und daß man »auf Nummer sicher[!]« gehen wolle. Daher werde die neue Software undsoweiterundsofort, man kennt das ja.

Mitte Juli lag die CD mit der neuen Software dann tatsächlich im Briefkasten Wieder las ich das Wort »Tempo-Revolution« – wieder wollte es damit nichts werden: Der »superschnelle Online-Dienst der Zukunft« läßt mich neuerdings gar nicht mehr rein, wenn doch, bricht prompt die Verbindung zusammen, hält die Leitung, dann browse ich mit ein paar Hundert Bytes pro Sekunde: Boah ey!

Kompliment: T-Online hat bei den Großen der Branche gelernt, wie man Produktversprechungen einlöst. Hut ab, Ron Sommer, Sie haben erkannt, wie man in Deutschland Revolution macht. Weiter so!

Auch unsere Freunde von der GEZ haben in diesem Sommer einen richtig revolutionären Knaller gelandet. Der Sommerhit ’97 wird uns wohl noch lange in den Ohren klingen: Rundfunkgebühren für PCs mit Internetzugang.

Wer immer diesen knolligen Einfall hatte, er sei gepriesen. Nennen wir ihn: Parzival. Nur ein reiner Tor kann auf die absonderliche Idee kommen, bundesdeutsches Stubendenken mit völliger Ahnungslosigkeit zu vermählen, auf daß die Welt staune über den wundersamen Einfall der GEZ.

Die Begründung ist lesenswert und in ihrem naiven Unbeschwertheit die reine Poesie: »Nach der gesetzlichen Definition ist derjenige Rundfunkteilnehmer, der ein Rundfunkgerät zum Empfang bereithält«. Da ein paar Rundfunksender über Streaming Audio ihre Daten ins Netz stellen, ergebe sich »eine Gebührenpflicht, falls der PC über einen Internetanschluß« verfüge »und somit als Rundfunkempfangsgerät verwendet« werden könne.

Wie gesagt: Die reine Torheit. Aber es hilft nichts, einen Punkt müssen wir doch rasch richtig stellen: Beim Rundfunk wird einmal gesendet und beliebig häufig empfangen, im Internet nicht. Jeder Empfänger braucht seinen eigenen Sender, für jeden neuen Hörer muß der Datenstrom ein weiteres mal übertragen werden. Wieviele gleichzeitige Zugriffe mag der Server des Rundfunks da wohl verkraften? Wieviele Zugriffe der Server meines Providers? Wieviele Datenpackete das Netz in Deutschland?

Anders als beim Rundfunksignal gibt es bei den gleichzeitigen Zugriffen auf Angebote im Netz eine einfache physikalische Grenze. Jeder Server bräche umstandslos zusammen, wollte auch nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Netzteilnehmer gleichzeitig die Nachrichten via Internet hören. Ein PC mit Internetzugang kann alles mögliche sein, nur eines nicht: Ein echter Rundfunkempfänger.

Tut mir leid, liebe GEZ, aber das mit den Gebühren, das überlegt ihr euch besser noch mal: Internet ist nicht Rundfunk. So einfach ist das.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, September 1997