Salz des Vergnügens

Dienstag, 27. Juli 2010, 14.59 Uhr

Noch ’n Zitat:

„Veränderung“, erklärt Schillers Ferdinand in „Kabale und Liebe“, sei „das Salz des Vergnügens“.

So leitet Jochen Wegner, Chefredakteur von Focus Online, seinen Artikel über das Redesign von Focus Online ein. Diesmal stimmt das Zitat, es findet sich in Schillers Tragödie in der siebten Szene des fünften Akts.

Allein, wie es so geht: auch ein richtiges Zitat kann falsch sein. Liest man es im Kontext nach, stellt man rasch fest, dass es so ziemlich das Gegenteil dessen meint, was es zu sagen scheint.

Der Ferdinand des Zitats scheint ein lustiger Geselle zu sein, ein Lebemann, der den Kick der Veränderung sucht. Der Verdacht, dass das nicht so ganz stimmen kann, sollte einem schon beim Verweis auf Kabale und Liebe kommen – das ist schließlich eine Tragödie und Ferdinand am Ende tot.

In besagter Szene höhnt Ferdinand zynisch zu Luise, von der er sich betrogen und seine Liebe verraten glaubt:

Ferdinand: … Du sollst meine Lehrerin sein. Toren sinds, die von ewiger Liebe schwatzen, ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das Salz des Vergnügens – Topp, Luise! Ich bin dabei – Wir hüpfen von Roman zu Romane, wälzen uns von Schlamme zu Schlamm – Du dahin – Ich dorthin – Vielleicht, daß meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell wiederfinden läßt – Vielleicht, daß wir dann nach dem lustigen Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten Überraschung von der Welt zum zweitenmal aufeinanderstoßen, daß wir uns da an dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter verleugnet, wie in Komödien wiedererkennen, daß Ekel und Scham noch eine Harmonie veranstalten, die der zärtlichsten Liebe unmöglich gewesen ist.

Jochen Wegner mag trösten, dass es ihm bei diesem Zitat geht wie praktisch jedem, der es benutzt – und dass es ein völlig normaler Vorgang ist, wenn ein Zitat aus dem Kontext gerissen ein Eigenleben führt, das mit seinem Ursprung meist nichts mehr zu tun hat.

Eines der  berühmtestes Beispiel für diesen Eigensinn der Zitate dürfte die Morgenluft sein, die jemand wittert. Was im bekannten Spruch Anfang und Aufbruch zu markieren scheint, meint im Hamlet, aus dem es stammt, ebenfalls das Gegenteil:

Doch still! mich dünkt, ich wittre Morgenluft: / Kurz laß mich sein

sagt der Geist von Hamlets Vater und kündigt das nahe Ende der Geisterstunde (und damit sein Verschwinden) an.