Schattenwerfende Zwerge

Montag, 26. Juli 2010, 16.13 Uhr

Da Google News mir gerade mal wieder ein angebliches Karl-Kraus-Zitat ausgeworfen hat –

„Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten“ – sagte Karl Kraus.

– will ich rasch darauf hinweisen, dass sich dieses Zitat weder in der Fackel noch in den Schriften findet. Anders gesagt: das stammt nicht von Karl Kraus.

Nachtrag: Um Missverständnissen vorzubeugen – es geht nicht um eine falsche Schreibweise, sondern darum, dass die schattenwerfenden Zwerge bei Kraus nicht auftauchen. In keiner Form.


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Aber dichter dran als bei dem Familienzitat…

Rüdiger Wick schrieb am 26. Juli 2010, um 19.21 Uhr

Gib den Satz mal bei Google ein … man ist sich einig … Nun gut, ihren Schatten statt einen Schatten, th’is clear.

Der Satz ist überhaupt nicht von Kraus, ganz gleich in welcher Schreibweise.

Rüdiger Wick schrieb am 26. Juli 2010, um 22.23 Uhr

Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, glaube ich den Dutzenden Quellen, die das Zitat im Netz Kraus zuordnen …

In der Fackel ist dieser Satz nicht. Wo kommt er denn her? Ich hatte auch immer angenommen, dass er von Kraus sei…

Dass „man sich einig ist“ bei Google, heißt ja noch gar nichts: Ich kann jetzt irgendeinen doofen Satz in die Große Müllhalde (Internet) schreiben und schon findet Google ihn. Probiert es mal aus mit „virtueller Nierenpunkt“. Hab ich erfunden (bzw. mein Lehrer, aber ich hab’s reingeschrieben)…

Achso, und übrigens: Geben die Quellen auch Quellenangaben an? Ich hab’s jetzt nicht überprüft.

Zur „Google-Gläubigkeit“: Nur weil einer ihn vom anderen abschreibt, wird ein Irrtum nicht richtiger. Das Internet ist *auch* eine große Desinformationsmaschine.

Das Zitat wird gerne auch mal Erich Kästner zugeschrieben. In Wahrheit dürfte der Urheber nicht mehr zu ermitteln sein.

Hier geht’s übrigens zur Online-Fackel (für Überprüfungswillige): http://corpus1.aac.ac.at/fackel/

@Rüdiger: Umgekehrt wird ein Schuh draus ;-). Es muss nicht nachgewiesen werden, dass das Zitat nicht von KK stammt, sondern diejenigen, die sagen, es sei von Kraus, sollten einfach den Text nennen, aus dem es stammt. Dass das Zwerge-Zitat nicht von KK stammt, ist seit langem Konsens der Kraus-Forschung. Und wie gesagt: Weder in den Schriften noch in der Fackel taucht es auf.

Rüdiger Wick schrieb am 27. Juli 2010, um 15.38 Uhr

>>> diejenigen, die sagen, es sei von Kraus, sollten einfach den Text nennen, aus dem es stammt.

Das habe ich gestern abend zwei oder drei Stunden zu ergoogeln versucht …

>>> Dass das Zwerge-Zitat nicht von KK stammt, ist seit langem Konsens der Kraus-Forschung.

Das wußte ich halt nicht. Mittlerweile glaub‘ ich’s Euch …

Wenn ich wieder daheim bin, schaue ich mal in Robert Mertons „Auf den Schultern von Riesen“ nach, der WIMRE auch den langen Schatten der Zwerge verhackstückt. Vielleicht weist der ja eine konkrete Quelle nach. Zuzutrauen ist ihm das … 😉